Im Oldtimer um die Welt – die finale Etappe

Text/Bild: Sabine Hoppe und Thomas Rahnn

Das Flugzeug setzt zur Landung an. Tausend Gedanken schwirren uns durch den Kopf. War es die richtige Entscheidung unser Fahrzeug nach Südafrika zu verschiffen und den Versuch zu wagen, Afrika von Süd nach Nord komplett zu durchfahren? Wie wird es uns auf dem finalen Abschnitt der Weltumrundung ergehen?

Im Winter 2009 hatten wir uns von Freunden und Studienkollegen verabschiedet und waren mit dem wagen Ziel aufgebrochen, im Oldtimer-Lkw die Welt zu umrunden. Seit damals liegen vier Kontinente hinter uns, Afrika, die finale Etappe und die vielleicht größte Herausforderung aber noch vor uns. Wenn wir auch noch längst nicht ahnen, was wir auf diesem geheimnisvollen Kontinent erleben werden, in einem sind wir uns sicher: Es wird aufregend.

Südafrika macht den Einstieg leicht. Grandiose Nationalparks, westliche Infrastruktur, tolle Tauchgebiete und vielfältige Landschaften. Wenn die multikulturelle Gesellschaft nicht so zerklüftet wäre, könnte man sich hier grenzenlos wohlfühlen. Umschlossen von Südafrika liegt das kleine Land Lesotho in den Drakensbergen und überrascht mit einer völlig anderen Welt. Malerisch schön liegen kleine Steinhäuser verteilt in der Landschaft als entstammten sie einem Bilderbuch. Doch dem Betrachter wird schnell klar, dass das Leben hier keineswegs märchenhaft ist. Kinder, in löchrige Wolldecken gehüllt, ziehen als Hirten mit ihren Ziegen über abgeerntete Felder und die strahlende Sonne täuscht über die eisigen Temperaturen in dieser kargen Bergwelt hinweg. Die Häuser sind weder an Wasser noch an Strom angeschlossen, selbst kleine Lebensmittelläden sucht man vergebens, dabei trennen uns kaum hundert Kilometer Luftlinie von prall gefüllten Einkaufszentren in Südafrika.

Während in Lesotho noch der Winter herrscht, wird es in Namibia bereits angenehm warm. Auch die Landschaft ändert sich. Jetzt ist die Erde sandig und Dünen zeichnen sich in der Ferne ab. In dieser trockenen Gegend hat sich das Volk der Himba angesiedelt. Als Halbnomaden leben sie vorwiegend von Viehzucht. Jeder Familienverband lebt in einem Kraal, einer kreisförmigen Siedlung. Holzpfähle umschließen wie ein Zaun die weitläufige Gemeinschaftsfläche, auf der verteilt einige kleine Lehmhütten mit Strohdächern stehen. Frauen sitzen am Boden vor den Hütten und verrichten ihre alltäglichen Aufgaben, zahlreiche Kinder toben und spielen in der Nähe. Eine der Frauen zermahlt Ockersteine zu feinem rotem Pulver, das die Frauen vermischt mit Fett mehrmals täglich auf ihre Haut auftragen. Dieser Farbfilm verleiht der Haut einen samtigen Teint und dient gleichzeitig als wirksamer Schutz vor Sonne und Insekten. Auch die langen Zöpfe werden mit Ocker verziert.

Dabei geht es bei den Himba nicht in erster Linie um das äußere Erscheinungsbild, sondern um die tiefere Bedeutung der Dinge. Halsketten dienen als Schmuck und gleichzeitig kann man an ihnen erkennen, ob eine Frau verheiratet ist und auch ob sie als Zwilling geboren wurde. Eine der Frauen arbeitet gerade an einem neuen Fußschmuck. Ein Lederstreifen darauf bedeutet, sie hat ein oder kein Kind, zwei Streifen verweisen auf zwei und mehr Kinder. Auch Todesfälle in der Familie sind abzulesen. Stirbt die Mutter, wird der linke Fußschmuck für ein Jahr entfernt, beim Vater der rechte. Die Familie der Himba besteht aus einem männlichen Oberhaupt, mehreren Ehefrauen und zahlreichen Kindern. Die Himbafrauen erzählen, dass es in ihrer Familie keine Eifersucht gebe und sie mit ihrem Ehemann sehr zufrieden seien, da er sich gut um sie sorge. Im Moment sei ihr Mann mit dem Großteil der Tiere weitergezogen und werde erst zur Regenzeit zurückerwartet. Die Stimmung im Kraal ist entspannt, es wird viel erzählt, gelacht und gearbeitet. Jeder geht einer Beschäftigung nach, doch alles in Ruhe und mit viel Gelassenheit. Die Einteilung des Tages in Stunden, Minuten oder gar Sekunden kennen die Himba nicht. Jahre spielen keine Rolle, noch das eigene Alter oder Geburtsdatum. Die Natur und das Leben selbst geben den Rhythmus vor.

Die Schulpflicht ist für die Himba ein zweischneidiges Schwert, denn das notwendige Wissen um in dieser harschen Gegend zu überleben, steht in keinem Lehrbuch. Zusätzlich entfremdet die Schule viele Kinder. Oft werden daher nur ein oder zwei Jungen der Familie in die Schule geschickt und tatsächlich kehren viele von ihnen später nicht in ihre Dörfer zurück, sondern suchen ihr Glück in den Städten.

Unser Weg gen Norden führt vorbei an den Victoria-Fällen in Simbabwe nach Sambia bis in den Kasanka Nationalpark. Genau hier, in diesem kleinen, sonst völlig unspektakulären Park, ereignet sich von Oktober bis Dezember tagtäglich ein Naturschauspiel der besonderen Art. Während viele mit dem Begriff der ‚Großen Migration‘ Tausende Gnus verbinden, die durch die Serengeti ziehen, findet im Norden Sambias abseits jeder Touristenströme, die weltweit größte Migration von Säugetieren statt. Dem reichen Angebot an Früchten folgend strömen bis zu zehn Millionen Flughunde aus dem Kongo in ein kleines Waldstück. Jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang verlassen die Tiere ihre Schlafplätze in den Bäumen und brechen gemeinsam zur Nahrungssuche auf. Dann verdunkelt sich der Himmel und ein Teppich aus Flughunden zieht über die Köpfe der wenigen Betrachter hinweg, so nah, dass man meint, einzelne Flügelschläge zu vernehmen.

Purer Zufall hat uns hierher geführt und so sind es oft nicht die geplanten, teuer erkauften Erlebnisse, die eine Reise unvergesslich machen, sondern die vielen unverhofften Begegnungen, die sich ganz nebenbei ereignen. Ob der sambische Pfarrer, der uns zum Fußballspiel einlädt und im Stau stundenlang Lieder singt, der malawische Schamane, der uns einen Zauber für eine glückliche Heimkehr mit auf den Weg gibt oder der sudanesische Hotelbesitzer, der uns seinen Ort aus der Perspektive eines Einheimischen erleben lässt, es sind die Menschen, die einem Land das Gesicht geben: Mal zurückhaltend, mal fordernd, meist interessiert und neugierig und oft grenzenlos gastfreundlich.

Afrika ist ein Kontinent der Vielfalt. Allein in Äthiopien leben über 80 ethnische Gruppen. Eine jede hat eigene Traditionen und viele eine eigene Sprache. Im Süden des Landes tragen die Frauen der Mursi handtellergroße Tonscheiben in ihren Lippen, im Osten verzieren die Nuer Gesicht und Körper mit Schmucknarben und im Osten feilen sich die Afar ihre Schneidezähne spitz zu.

Nicht weniger beeindruckend ist die reiche Tierwelt. Nirgends auf der Welt sind große Wildtiere so beeindruckend und hautnah zu erleben wie in Afrika. In Namibia schleicht ein Löwenrudel nachts um unseren Lkw und in Sambia kommt uns ein Elefant näher als erwünscht. Die Landschaften könnten unterschiedlicher kaum sein: Sandwüsten, dichte Wälder, Seen und Berge, Tiefebenen, Schluchten und aktive Vulkane, Blumenteppiche und karge Steppe. Kein Tag, an dem wir nicht ins Staunen kommen, an dem Afrika keine Überraschung für uns bereithält.

Je nördlicher wir kommen, desto schwieriger gestaltet sich allerdings die Routenplanung. Unseren ursprünglichen Plan auf dem Landweg zurück nach Europa zu gelangen, machte der Krieg in Syrien längst zu Nichte. Auch nach Westen durch Libyen gibt es seit Gaddafis Sturz und den damit beginnenden Machtkämpfen im Land keinen Ausweg. Aus Ägypten erreichen uns die Nachrichten von vereitelten Anschlägen, die Stimmung im Land sei wechselhaft und die Fährverbindung in die Türkei wurde bis auf weiteres eingestellt, was also tun?

Wer mehr wissen will und Afrika als Feuerwerk an Erlebnissen und Begegnungen hautnah erfahren möchte, den nehmen Sabine Hoppe und Thomas Rahn in einer live kommentierten Fotoreportage am 27. Januar in Köln mit auf die Reise durch einen geheimnisvollen Kontinent. Weitere Infos gibt es hier.

Weitere Infos zu den beiden Referenten, Reise- und Länderinformationen gibt es unter www.abseitsreisen.de.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 15. Dezember 2018 in der Kategorie »Aus aller Welt« mit den Schlagwörtern: , ,


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