Mit Kind, Kegel und Kamelen durchs Outback – Interview mit der Abenteuerfamilie Blum

Nach ihren Kanada-Reisen wollten Markus und Sabrina Blum mit ihren zwei Töchtern Amira und Naira das Outback in Australien durchqueren – mit Kamelen und einem Planwagen. Es folgen sechs Monate Vorbereitung vor Ort und eine dreimonatige Tour durch beeindruckende Wüstenlandschaften.

Interview: Julian Rohn, red-gun

Sabrina und Markus, euch kennt man als leidenschaftliche Kanada-Reisende, warum hab ihr euch jetzt Australien ausgesucht und vor allem, warum mit Kamelen?
Sabrina: Wir fanden, dass es nach unserer Packpferde-Reise in Kanada nicht einfach vorbei sein konnte. Wir haben ja auch eine zweite Tochter und fanden, dass sie so eine tolle Reise auch verdient hat. Dann haben wir aber gemerkt, dass unsere jüngste Tochter Naira allergisch auf Pferde reagiert…

Eigentlich hattet ihr schon einen großen Pferde-Trip in Patagonien organisiert …
Sabrina: Uns war klar, dass wir stattdessen nicht einfach mit dem Auto durch Patagonien reisen konnten.
Markus: Das war in dem Moment ein Rückschlag, ich hatte mir auch beruflich diesen Freiraum geschaffen. Gleichzeitig haben wir uns gesagt, dass dann etwas anderes kommt.

Wie schnell kam die Idee mit Australien?
Sabrina: Wir haben noch ein Jahr gewartet und unseren Gedanken freien Lauf gelassen. Die Kinder und ich haben sowieso einen australischen Pass, außerdem lebt meine Schwester dort und hatte uns zur Hochzeit eingeladen.

Und warum Kamele?
Markus: Wir haben überlegt, ob etwas mit anderen Tieren machbar wäre. Als wir über Lama, Kamel und Rentier nachdachen, habe ich hier im Allergie-Zentrum angerufen. Es hieß, man könne das nicht auf die Schnelle testen, außerdem hätte danach noch nie jemand danach gefragt. Am besten wäre, wenn Naira Kontakt zu diesen Tieren hätte. Wir sind dann zu einer Kamelfarm hier in der Schweiz gefahren und haben Amira und Naira zum ersten Mal in Kontakt mit Kamelen gebracht. Das war kein Problem.

Kamele gehören ja nicht zu den einheimischen Tierarten in Australien.
Sabrina: Aber Australien hat die weltweit gesündeste und größte Kamel-Population. Kamele aus Australien werden in die Arabischen Emirate exportiert.

Und die leben da wild?
Sabrina: Ja, für die Australier sind die eigentlich eine Plage.
Markus: Mal hört man von 300’000 wilden Kamelen, dann sind es wieder mehr als eine Million. 1840 hat man sie zur Erkundung des Landes und später für den Eisenbahnbau importiert. Als die Bahnlinie fertig war und die ersten Fahrzeuge kamen, waren die Tiere überflüssig und man ließ sie einfach frei.

Deswegen musstet ihr zunächst wilde Kamele zähmen?
Sabrina: Das war genau das Schöne. Unsere Kamele wurden noch nie von jemandem schlecht behandelt. Man kann sie auf das trainieren, wofür man sie braucht. Wir haben sechs Monate vorher mit ihnen leben, zusammenwachsen und voneinander lernen können.

Wie muss man sich ein wildes Kamel vorstellen?
Sabrina: Beweglich, störrisch, stark, tödlich.
Tödlich warum?
Markus: Sie schlagen anders aus als Pferde. Die Hinterbeine gehen seitlich raus. In alle Richtungen. Und blitzschnell. Im Sitzen, im Stehen, ganz egal. Aber das ist ein ganz normales Verhalten, mit dem man umzugehen lernen muss.

Hat euch das jemand gezeigt?
Markus: Wir haben auf einer Kamelfarm im Wohnwagen gelebt und durften dort die Tiere abrichten. Wir haben verschiedene Tipps bekommen, aber schlussendlich viel selber versucht und herausgefunden. Zum Beispiel wie man Kamele dazu bekommt, einen Wagen zu ziehen. Gab es einen Zeitpunkt, bis wann ihr mit dem Training fertig sein musstet?
Sabrina: Wir haben uns ein halbes Jahr gegeben. Es war auch davon abhängig, wann der Wagen fertig wird. Und die Hitze in der Wüste war ein Faktor. Wir haben dann von erfahrenen Kamel-Leuten gehört, dass man die Tiere unterwegs am besten kennenlernt. Und so war es auch. Die ersten zwei Wochen unter echten Bedingungen waren anstrengend, aber es ist dann besser geworden.
Markus: Das Training war für die Tiere keine Anstrengung. Dadurch hatten sie viel mehr Energie für Blödsinn. Auf Tour kam dann einfach der Rhythmus: Kamele einspannen, losziehen, ausspannen, fressen, wir kochen, die Nacht kommt – all das. Das hat sich täglich wiederholt und dadurch haben sie es auch schnell gelernt.

Futter und Wasser habt ihr für die Tiere organisiert?
Sabrina: Fressen haben sie alleine gefunden. Das Outback ist extrem karg, aber es hat Sträucher und Büsche. Kamele sind es gewöhnt, sich von den trockensten und dornigsten Sachen zu ernähren. Ein Kamel kann bis zu drei Wochen ohne Wasser sein. Wir haben dafür gesorgt, dass sie alle zwei, drei Tage Wasser bekommen. Wir sind auch mal extra zu einer Wasserstelle und dann hat kein Kamel etwas getrunken.

Was für Temperaturen hattet ihr?
Markus: So um die 20-25 Grad, es war ja Winter. Die Nächte waren immer so gegen null Grad. Für uns hat sich das kalt angefühlt, weil wir den Sommer mit bis zu 50 Grad erlebt hatten.
Wie kann man sich das Gelände vorstellen, in dem ihr unterwegs wart?
Sabrina: Durch den Wagen waren wir mehr oder weniger ans Straßennetz gebunden. Aber das sind Schotterstraßen, auf denen nur ein paar Australier mit Geländewagen unterwegs sind.
Markus: Es gab immer wieder Leute, die gefragt haben, ob das nicht langweilig sei. Aber dieser endlose Raum hatte etwas ganz Spezielles. Dieses Nichts von Horizont zu Horizont. Das spürst du erst, wenn du nicht in einer geschlossenen Kabine hinter dem Lenkrad sitzt.

Seid ihr zu Fuß nebenher gelaufen?
Sabrina: Am Anfang saßen wir viel auf dem Wagen und haben Karten gespielt. Die Kinder konnten turnen, lesen und spielen. Mit der Zeit sind wir auch mal ausgestiegen und gelaufen. War ja alles in Schritttempo. Die Kinder haben nicht einmal gefragt, wann wir endlich da sind. Und das machen sie im Auto ständig, selbst wenn wir nur für zwei Stunden nach Luzern fahren.

Kann man sich das wie so ein Planwagen von den Siedlern in Amerika vorstellen?
Sabrina: Genau, aber aus Stahl und mit Flachdach, damit das Solarpanel hält.

Habt ihr auch auf dem Wagen geschlafen?
Sabrina: Ja, wir mussten nur die Schlafsäcke auslegen und fertig war es. Wir waren meistens um drei Uhr im Camp und hatten dann viel Zeit für andere Sachen.
Markus: Das war sehr angenehm, dass wir bei der Ankunft immer sehr schnell und effizient waren. In Australien wird es ja um sechs Uhr abends stockdunkel.

Ihr seid mit der Sonne aufgestanden und mit der Sonne ins Bett gegangen?
Markus: Wenn man nur eine natürliche Lichtquelle hat, die Sonne, dann lebt man auch danach. Zu Hause ist das anders.
Sabrina: Es gab Situationen, in denen ich um sieben Uhr schlafen wollte, weil ich dachte, es sei schon extrem spät. Aber dann schläft man herrliche zehn Stunden – wann kann man das schon daheim machen? Wenn man den ganzen Tag draußen ist, ist man natürlich auch müder. Die Kinder waren auch müde – es ist eine gute, gesunde Erschöpfung.

Hattet ihr eure Verpflegung dabei oder seid ihr zwischendurch einkaufen gegangen?
Sabrina: Wir hatten für mehr als einen Monat Nahrungsmittel dabei. Wir wussten, dass wir nach drei bis fünf Wochen in ein Dorf mit Tankstelle, Pub und drei Häusern kommen würden. Das hat tatsächlich auch geklappt. Wir hatten viele Äpfel, Karotten, Kohl, Kartoffeln, und Kürbis dabei – alles Zeugs, das nicht so schnell kaputt geht.

Das sind trotzdem frische Sachen, die man im Rucksack nicht mitnehmen würde …
Sabrina: Genau! Wir konnten das im Wagen gut mitnehmen. Wir hatten natürlich auch Reis, Mehl, Zucker und Salz dabei. Wir haben Brot gebacken. Dann habe ich in Australien die Jagdprüfung gemacht und durfte Emus schießen. So hatten wir drei bis vier Tage frisches Fleisch, den Rest habe ich 24 Stunden in eine Marinade gelegt und danach Trockenfleisch draus gemacht. Dafür haben wir extra einen kleinen Ofen gebaut.

Habt ihr unterwegs Leute getroffen?
Markus: In den Flinders Ranges haben wir Farmgebiete durchquert. Im Vorfeld haben wir schon die Farmer kontaktiert und um Erlaubnis gebeten, ihr Land zu betreten. Wir haben uns dann per Funk gemeldet und gesagt, dass wir jetzt durch ihr Gebiet kommen. Manchmal haben wir sie an unser Feuer eingeladen. Das waren richtig schöne Begegnungen.
Sabrina: Die Gastfreundschaft da draußen ist großartig. Man ist aufeinander angewiesen und hilft sich. Das Buschtelefon funktioniert, die Leute wussten bereits Hunderte Kilometer im Voraus, dass wir unterwegs waren. Das hat sich rumgesprochen. Einmal wurden uns 30 Liter Regenwasser gebracht oder Lammfleisch und Bier. Dann haben sie mit den Kindern Karten gespielt und Cowboy-Geschichten erzählt.

Die Australier sind so offen, dass sie Leute wie euch auch verstehen. Oder gab es welche, die euch für verrückt hielten?
Sabrina: Die Leute, die angehalten haben oder die wir getroffen haben, waren meist «grey nomads». Also über 50 Jahre alt und mit Auto oder Camper unterwegs. Und die hatten so eine Freude, dass eine junge Familie das mit Kindern macht. Sie haben uns bestärkt und waren stolz, dass sie uns getroffen haben.

Wie habt ihr eigentlich alles finanziert?
Sabrina: Vor allem mit viel arbeiten. Wir hatten kein großes Budget. Wir hatten für die neun Monate lediglich 20 000 Franken zur Verfügung. Je mehr Zeit man hat, umso weniger Geld braucht man. Benzin haben wir unterwegs keines gebraucht. Und wir konnten umsonst wohnen. Für Strom und Internet mussten wir kleine Beträge abgeben, aber sonst haben wir nicht viel gebraucht. Weil ich einen australischen Pass habe, konnte ich etwas arbeiten. Ich habe 1500 Dollar verdient, das hat wieder für zwei Monate gereicht.
Markus: Es war auch ein Risiko dabei. Wir haben uns nicht finanziell die Zeit verdient, sondern wir haben uns einfach den Zeitraum geschaffen. Das Geld kommt jetzt unter anderem mit den Vorträgen wieder rein.

In Australien sind viele Tiere giftig, wie habt ihr die Kinder darauf vorbereitet?
Sabrina: Also die Tiere sind da, das ist so. Man muss einfach wissen, wie man mit der Situation umgeht. Man zieht nie einen Schuh an, ohne ihn vorher auszuschütteln, und man hebt den Klodeckel an, bevor man sich drauf setzt. Naira hat sogar in der Schweiz noch den Klodeckel angehoben, weil es so selbstverständlich für sie wurde. In Australien leben ja auch Kinder und da stirbt nicht alle zwei Wochen eines wegen einem giftigen Tier. Die wachsen damit auf und genauso haben wir unsere Kinder darauf vorbereitet.

Was können die Zuschauer von eurem Vortrag erwarten –was ist eure Message?
Markus: Wenn man wirklich etwas will, dann ist alles möglich! Man muss den Mut haben, einfach aufzubrechen und es zu tun.
Sabrina: Es muss nichts Extremes sein, aber dass man einfach mal aus seiner eigenen Komfortzone herausgeht. Etwas erleben, das bringt einen enorm weiter. Auch wenn es nicht so herauskommt, wie man am Anfang gedacht hat. Das spielt ja keine Rolle. Ich sage immer, es gibt kein Scheitern. Es gibt nur Erfahrungen. Auch Eltern mit ihren Kindern – es gibt so vieles zu entdecken. Man muss es einfach machen.

Es gab ja schon eine TV-Dokumentation über euch. Wenn die jemand gesehen hat, lohnt sich euer Vortrag trotzdem noch?
Sabrina: Gut, der Fernsehmann ist drei mal für ein paar Tage bei uns gewesen. Ganz am Anfang und zwischendurch mal. Aber was wir sonst in den neun Monaten erlebten, zeigte es nicht. Unsere Emotionen, unsere Erlebnisse, Sorgen, Begegnungen und lustige Sachen kamen im Fernsehen nicht rüber.
Markus: Man sieht wirklich extrem wenig – finde ich. Wenn man bedenkt, wie viele Erlebnisse wir im Kopf haben – davon war im Fernsehen nur sehr wenig zu sehen.

Markus Blum live bei GRENZGANG:
In der Reise-Reportage „Australien – Mit Kamelen durchs Outback“ berichtet Markus Blum von seinem neusten Abenteuer: Drei Monate lang zieht Familie Blum mit Kamelen durch das australische Outback. Bedürfnisse, wie Wasser oder Zeit bekommen dabei eine ganz neue Bedeutung. Ab 13. Januar auf Tour in NRW! Weitere Infos und Tickets gibt es hier.

Außerdem könnt ihr in Düsseldorf und Köln mit der Schweitzer Aussteiger-Familie in die Wildnis Kanadas und Alaskas reisen. Reise-Reportage „Kanada – Leben in der Wildnis“ am 13. Januar in Düsseldorf und am 20. Januar in Köln. Alle Infos und Termine gibt es hier.

Übrigens: Die Blums haben auch ein neues Buch geschrieben – “Zuhause in der ganzen Welt”. In diesem Buch gehen die Weltenbummler ihren Reisen auf den Grund und erzählen sehr persönlich: woher ihre Reiselust kommt, welche Abenteuer sie erlebten, wann sie an ihre Grenzen kamen und welches Mindset es brauchte, um sich solchen Herausforderungen zu stellen. So kommen nicht nur Outdoorbegeisterte auf Ihre Kosten, sondern auch all jene, die den nötigen Schuss brauchen, um sich ihre eigenen Träume zu erfüllen. Infos zum Buch gibt es hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 20. November 2018 in der Kategorie »Interview« mit den Schlagwörtern: ,


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