Couchsurfing im Iran – Stephan Orth im GRENZGANG-Interview

Stephan Orth hat das gemacht, was offiziell verboten ist: Als Couchsurfer reist er quer durch den Iran. Er tauscht Hotel gegen Privatquartier, ist also bei den Leuten zu Hause – und lernt so das Land und das Leben von einer nicht üblichen, von einer ganz anderen Seite kennen: Ein Land, das gleichzeitig verzaubert und wütend macht.
Über seine Erlebnisse hinter verschlossen Türen berichtet Stephan Orth in seinem Buch „Couchsurfing im Iran“. Er schreibt über die unglaubliche Herzlichkeit der Menschen, aber auch über ihre Schwierigkeiten in einem Land, in dem strenge Gesetze herrschen und Regelbrüche im Geheimen die Regel sind.

Im November ist der Autor mit seiner Reise-Dinnershow in Düsseldorf und Köln zu Gast. Vorab haben wir ihm schon einmal ein paar Fragen zu seiner Reise gestellt.

Was genau ist Couchsurfing und warum ist das für dich die beste Art zu reisen?
Couchsurfing ist eine Plattform mit vielen Millionen Mitgliedern weltweit, die kostenlose Unterkünfte anbieten. Mich reizt es, in den Alltag der Menschen reinzugucken und in kurzer Zeit wahnsinnig viel über sie zu erfahren. Außerdem ist es eine Möglichkeit, anders als bei „normalen“ touristischen Reisen wenig mit Leuten zu tun zu haben, die dafür bezahlt werden, dass sie nett zu mir sind. Ich erlebe eine ungeschliffene Authentizität, kein vorgefertigtes Tourismus-Konsumprodukt.

9000 Kilometer durch den Iran: Was waren die größten Überraschungen, die du auf deiner Reise erlebt hast?
Überrascht hat mich immer wieder, wie viele Gesetze die Iraner jeden Tag brechen, sobald sie zu Hause und unbeobachtet sind. Sie leben wirklich ihn zwei verschiedenen Welten, der öffentlichen und der privaten.

Welches Ereignis ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Eine Übernachtung in einer Wohnung direkt am Atomkraftwerk Bushehr. Den ganzen Tag berichtete der Gastgeber von den Sicherheitsbedenken der Menschen vor Ort – in der Nacht habe ich wirklich nicht gut geschlafen. Außerdem wäre es ungemütlich geworden, wenn die örtlichen Behörden erfahren hätten, dass ein ausländischer Journalist so nah am Akw herumspaziert.

Du bezeichnest den Iran als „ein Land, das so gar nicht zum Bild des Schurkenstaates passt.“ Warum?
Es ist einfach ein Riesen-Unterschied, ob man die Politik des Landes verfolgt oder sich mit ganz normalen Menschen unterhält. Die Iraner sind das vielleicht gastfreundlichste Völkchen der Erde – da versteht man dann einfach nicht, wie sich derartige Hardliner dort so lange an der Macht halten können.

Was hast du auf der Reise über dich selbst und die Menschen dort herausgefunden?
Ich habe unsere Freiheiten in Westeuropa mehr zu schätzen gelernt. Bei uns muss niemand ständig Angst haben, wegen Kleinigkeiten Probleme mit der Staatsgewalt zu bekommen, dort ist das quasi Alltag.
Gelernt habe ich, dass wir uns auf einer menschlichen Ebene viel ähnlicher sind, als die unterschiedlichen Kulturen vermuten lassen. Die Iraner wissen sehr viel über Europa, sind kulturell interessiert, haben eine unglaublich liebenswerte Art. Es ist ein Jammer, dass es nicht mehr Austausch gibt.

Würdest du erneut im Iran couchsurfen?
Am liebsten würde ich morgen einen Flug buchen. Aber ich fahre erstmal nicht mehr hin, weil mein Buch dort einen kleinen Skandal ausgelöst hat. Weil ich eben lauter verbotene Dinge beschreibe, von denen die Mächtigen zwar wissen, aber so etwas dennoch nicht veröffentlich sehen möchten. Nun könnte ich Probleme bei der Einreise bekommen.

Was darf in deinem Reisegepäck niemals fehlen?
Inzwischen tatsächlich: das Smartphone. Weil es Notizblock, Landkarte, Kompass, Kommunikationsmittel und Aufnahmegerät sein kann, ist das für meine Reisen unverzichtbar.

Wie stehst du zu der Frage: Sollte man in ein Land reisen, dessen Regime man nicht unterstützt?
Ich kenne die Diskussionen darüber gut, aber meine Erfahrung von Reisen abseits des organisierten Tourismus ist: Die Menschen in solchen Ländern sind oft enorm dankbar dafür, dass man kommt, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Oft hatte ich das Gefühl, Menschen ein bisschen inspirieren zu können, mehr für ihre eigenen Freiheiten zu kämpfen. Und, ganz wichtig: In Unrechtsstaaten ist der Zugang zu Informationen oft eingeschränkt. Da ist es total wertvoll für die Menschen, mal aus erster Hand zu hören, wie die Lage in Europa gerade ist.

Verrätst du uns etwas über dein nächstes Projekt?
Im Sommer war ich in China, gerade bin ich mit dem Schreiben beschäftigt. Das nächste Buch wird „Couchsurfing in China“ heißen und erscheint im März 2019.

Bei GRENZGANG bist du mit deiner Dinnershow zu Gast. Ich freue mich schon sehr auf das persische Menü, welches das Klosterhof Birstro im Maxhaus in Düsseldorf und das Restaurant Ludwig im Museum in Köln für uns zubereitet. Wenn du zum Essen eingeladen wurdest, über welches Gericht hast du dich am meisten gefreut?
Gormeh Sabzi. Ein Lammfleischgericht mit roten Bohnen und einer köstlichen Kräutermischung. Fantastisch.

So wie ich es verstanden habe, bist du bei deinen Gastgebern auch oft zum Essen eingeladen wurden. Welchen Wert/Stellung nimmt das Essen im Iran ein?
Einen sehr hohen, die Menschen sind (zurecht) sehr stolz auf diesen Teil ihrer Kultur. In den Familien wird oft besser gekocht als in den meisten Restaurants.

Noch ein Tipp zum Abschluss: Welche Vokabel sollte im Reisewortschatz nicht fehlen?
Kheili Mamnoon – vielen Dank. Das kann hundertmal am Tag sagen, weil die Menschen dort so zuvorkommend und herzlich sind. Ich war in mehr als 70 Ländern, aber nirgendwo habe ich eine solche Gastfreundlichkeit erlebt wie im Iran.

Ihr wollt mehr über Stephans Couchsurfing-Erfahrungen im Iran erfahren?
Dann kommt zur GRENZGANG-Reise-Dinnershow „Couchsurfing im Iran“ am 10. November zum Düsseldorfer Klosterhof – Bistro im Maxhaus. Die Dinnershow in Köln ist bereits ausverkauft!
Autor und Reporter Stephan Orth berichtet von seinen Abenteuern in einem Land, das spektakuläre Landschaften zwischen Wüste und Schneebergen und zahllose archäologische Schätze bietet – für ihn aber trotzdem vor allem wegen ganz besonderer Begegnungen mit den Menschen unvergesslich bleibt.
Weitere Infos, alle Menüs und Tickets gib es hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 7. November 2018 in der Kategorie »Interview« mit den Schlagwörtern: , , ,


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