Der liebste Freund des Menschen – Andreas Pröves Begleiter durch China

Und plötzlich war er da. Und wollte nicht mehr weg. Eine rührende Geschichte von Andreas Pröve.

Zhongdian, am Fuße des Himalajas in China, besitzt ein fantastisches Kloster, eine frisch restaurierte Altstadt mit einer Riesengebetsmühle und Naturschönheiten in der Umgebung. Wovon ich aber erzählen möchte, ist so banal, dass mancher Leser sich jetzt fragen wird, warum ich dem derart viel Gewicht beimesse. Es geht um meine Bekanntschaft mit einem Hund. Dabei habe ich wegen der Unberechenbarkeit einiger ihrer Artgenossen ein gestörtes Verhältnis zu vor allem bedrohlichen Hunden. Meine Kopfhöhe von 1,40 Meter und ihre relative Größe dazu sind der Grund dafür und natürlich die Tatsache, dass ich Arme und Hände zum Fortbewegen meines Rollstuhls dringend nötig habe und es unter keinen Umständen zulassen kann, dass selbst der liebste Freund des Menschen sich darin festbeißt. Also kurz gesagt, ich mag Hunde, solange sie mir fern bleiben. Mit ihren feinen Sinnesorganen spüren die meisten das und gehen mir aus dem Weg. Nicht dieser kleine Mops-Tibet-Spaniel- Mischling.

Auf dem Dorfplatz fotografiere ich die Gebetsfahnen, da sehe ich ihn erstmals ganz nah vor mir. Zu nah für meinen Geschmack. Da er keine Bedrohung darstellt, beachte ich ihn jedoch nicht weiter, womit jeder Hund der Welt das Interesse an mir verloren hätte. Dieser kleine Mischmops jedoch schaut unentwegt zu mir hoch und weicht den ganzen Tag über nicht mehr von meiner Seite. Was will er mir mit seiner Distanzlosigkeit bloß sagen? Entweder ist er ein bisschen doof und nimmt meine Signale nicht wahr, oder unsterbliche Liebe zu mir vernebelt seine Sinne. Letzteres scheint der Fall zu sein. Er benimmt sich, als gehörte ich ab jetzt zu ihm. Egal wohin, er klebt an mir, macht jede Drehung des Rollstuhls mit, dass es mir schwerfällt, ihm nicht über die Füße zu fahren. Der Kleine hat mich zu seinem Herrchen gemacht, ohne zu fragen. Ich rolle durch die schmalen Gassen, an Gebetsmühlen und betenden Pilgern vorbei, schaue mir die schönen Häuser an und ignoriere meinen Begleiter einfach. Das wirkt, weg ist er. Hätte mich auch gewundert. Erleichtert, aber auch etwas verwirrt über diese merkwürdige Begegnung rolle ich am späten Nachmittag zum Hotel, um neue Akkus für die Kamera zu holen. Im Aufzug dann dieses Geräusch, ein flehendes Fiepen unter meinem Rollstuhl. Da ist er wieder – oder immer noch? Er war nie weg, hat sich unter mir an der Rezeption vorbeigemogelt. Und ich hatte mich schon gewundert, warum das Personal mich so belustigt anschaut.

Jetzt sitzt er in meinem Zimmer auf dem Bettvorleger, fiept mich an und lässt mich nicht mehr aus den Augen. Ich höre mich verzweifelt mit ihm reden: „Was soll ich denn bloß mit dir machen, ich kann dich doch nicht mitnehmen.“ Er fiept Unverständliches zurück. Der Kleine ist durchaus niedlich und hätte vermutlich das Zeug dazu, mich mit seinen Artgenossen zu versöhnen. Fassungslos stehe ich da und überlege, wie ich ihn wieder loswerde, ohne ihm das Herz zu brechen. Der Trick ist gemein, ich weiß, aber anders geht es nicht. Ich rolle mit meinem Hündchen unter dem Rollstuhl zum Markt, dort, wo sich die ganzen Straßenköter herumtreiben, die mir Tags zuvor aufgefallen waren. Blind für den Straßenverkehr haben sie die läufigen Hündinnen verfolgt. Auch Möpse vom Kaliber meines treuen Begleiters waren dabei. Vielleicht ist das was für ihn? Tatsächlich wagt er sich aus seinem Versteck, ist abgelenkt durch den Geschlechtstrieb der Streuner und merkt nicht, wie ich hinter der nächsten Straßenecke verschwinde. Erleichtert rolle ich zum Hotel, plane, sofort alles zu packen und umzuziehen, bevor er sich erinnert, wo ich wohne. Aber neugierig bin ich doch, rolle noch einmal zurück und schaue vorsichtig um die Ecke. Dort, wo ich ihn verlassen habe, steht der Kleine, dreht suchend den Kopf und fiept flehentlich sein trauriges Lied. Jetzt bricht es mir fast das Herz.

Andreas Pröve LIVE erleben!
GRENZGANG-Reise-Reportage „China – Von Shanghai nach Tibet“:
Sonntag, 9. Februar: Düsseldorf
Dienstag, 11. Februar: Bochum
Mittwoch, 12. Februar: Münster
Donnerstag, 13. Februar: Aachen
Freitag, 14. Februar: Krefeld
Sonntag, 16. Februar: Köln
Tickets und Termine gibt es auf www.grenzgang.de



Veröffentlicht von Katharina Maksym am 9. Januar 2020 in der Kategorie »Allgemein« mit den


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