„Gewaltiger, als ich es mir vorstellen konnte“ Kerstin Langenberger und Olaf Krüger im Gespräch

Kerstin Langenberger und Olaf Krüger verbindet die Begeisterung für die Natur und Kultur des Nordens. Für die Reise-Reportage „Inseln des Nordens“ öffnen sie ihre Bildarchive und Tagebücher aus sechs Recherchejahren, um die schönsten und wildesten Eilande Nordeuropas vorzustellen. Wir haben vorab mit ihnen gesprochen.

Habt ihr jeweils einen Lieblingsort auf den „Inseln des Nordens“ und wenn ja, welcher und warum?
Kerstin: Meiner ist Island. Damit bin ich nicht alleine, von allen fünf Inseln ist Island mit Abstand das beliebtese Urlaubsziel. Die Insel wird momentan touristisch leider völlig überlaufen, dieses Jahr werden beispielsweise weit über 1 Million Touristen erwartet, was ihr einiges an Charme nimmt. Dennoch schlägt mein Herz für diese kleine Insel, in der ich fast sieben Jahre meines Lebens verbracht, Freundschaften geschlossen und unvergessliche Momente erlebt habe. Es ist ein extrem vielseitiges Land, das einem alle paar Meter und alle paar Minuten andere Ansichten und Erlebnisse bietet. Das Wetter ist dort genauso wechselhaft wie die vielfältigen Landschaften: Genau das liebe ich am Norden generell, aber an Island eben besonders.

Eure Inseln des Nordens umfassen Island, Grönland, Spitzbergen, Lofoten und die Färöer-Inseln: Wart ihr gemeinsam unterwegs oder habt ihr euch aufgeteilt und wenn ja wie und warum?
Kerstin: Das Thema “Inseln des Nordens” haben wir natürlich auch deswegen gewählt, weil wir gleichermaßen neugierig waren auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der einzelnen Eilande. Auf Island und den Lofoten waren wir zusammen unterwegs, die anderen Inseln aber haben wir unter uns aufgeteilt. Olaf hat viel Zeit auf den Färöer-Inseln und in Ostgrönland verbracht, während ich ein Jahr lang in Spitzbergen lebte und dort heute noch jeden Sommer arbeite. Diese Arbeitsteilung war schon allein wegen der schieren Größe des Projektes notwendig, aber es war auch insofern gut, als das wir ganz bewusst als Individuen fotografieren und erzählen wollten.

Evening mood at Skagsanden, beach near Flakstad, Flakstadsøya, Lofoten Islands, Nordland, Norway, Europe

Was fasziniert euch an diesen Inseln am meisten?

Olaf: Reine Luft. Stille. Gut schmeckendes Leitungswasser. Diese weiten Horizonte, das klare, intensive Licht des Nordens, sei es in den langen Mittsommernächten oder an den dunklen Mittwintertagen. Und dann diese wilde, oft noch relativ unerschlossene Natur. Fernab der Zivilisation findet man Zeit: zum Erleben der rauen Natur, aber auch dazu, wirklich nachdenken zu können und zu sich selbst zu finden.

An welche besondere zwischenmenschliche Begegnung erinnert ihr euch?

Olaf: Mich hat die Begegnung mit dem färöischen Musiker Kristian Blak sehr beeindruckt. Ein Tausendsassa, der immer wieder mit spektakulären Projekten auf sich aufmerksam macht: so bietet er im Sommer Höhlenkonzerte unter der Insel Hestur an. Conerto Grotto nennt er das Ganze. Kristian ist einer der kreativsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Seine Kompositionen entführen direkt in nordische Welten, die Fantasie wird angeregt.

Lofoten, Nordnorwegen, Norwegen

Kerstin, du hast den Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull erlebt und fotografiert, Olaf die atemberaubende Natur Ostgrönlands, ihr beide das Nordlicht sowie verschiedene Wetterkapriolen. Welches Naturphänomen hat euch am meisten fasziniert?
Kerstin: Während des Ausbruchs des Bárðarbunga in Nornahraun im Herbst 2014 hatten Olaf und ich das unbeschreibliche Glück, Nordlichter und Vulkanausbruch zusammen zu erleben. Beide Naturphänomene für sich gehören zu den unbeschreiblichsten und unglaublichsten Dingen, die ich kenne. Beides zusammen sehen zu können, hielt ich bis dato für regelrecht unmöglich. Und noch heute machen mich die Erinnerungen daran still und andächtig. Es war eine der einprägsamsten Nächte meines Lebens!

Ihr wart mit Wissenschaftlern im Pack-Eis oder beim längsten Schlittenhunderennen Europas, habt einem Höhlenkonzert gelauscht oder mit Einheimischen Fußball geschaut: Was war für euch jeweils das eindrücklichste (positive) Erlebnis und warum?
Kerstin: Für mich war das ohne Zweifel der Ausbruch des Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010. Seit meiner Kindheit hatte ich davon geträumt, einen Vulkanausbruch zu erleben. Der Eyjafjallajökull war anders und gewaltiger, als ich es mir bis dato vorstellen konnte, und ich durfte ihn in ganz vielen verschiedenen Facetten kennen lernen: als Helfer auf einem Bauernhof direkt am Berg, als Hüttenwart direkt unter der Eruptionswolke, und einfach nur als staunender, winziger Mensch, dem seine Nichtigkeit und Hilflosigkeit hier unmittelbar vor Augen geführt wurde.
Olaf: ich werde nie vergessen, wie in der Unendlichkeit des Packeises plötzlich eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen auftauchte. Das war fast schon surreal. Ein Geniestreich in Sachen Anpassung.

Kerstin, du hast dich zum Nature Guide ausbilden lassen: Was hast du dabei erlebt, was war das für eine Ausbildung? Kann sich jede/r interessierte dazu ausbilden lassen?
Dieses praktisch orientierte, einjährige Studium auf Spitzbergen bereitet interessierte Outdoor-Enthusiasten darauf vor, sich selbst und andere sicher durch arktische und alpine Gegenden zu geleiten. Lawinenkunde, Gletscherspaltenrettung, Skitouren und Zeltübernachtungen in Eisbärengegenden stehen ebenso im Vordergrund, wie Orientierung, Planung, Krisenmanagement, Erste Hilfe, Insiderwissen über die Natur und Geschichte Spitzbergens und nicht zuletzt Pädagogik. Es ist eine intensive aber sehr vielfältige Ausbildung in Englischer Sprache, für die sich jeder bewerben kann!

Für euren aktuellen Vortrag wart ihr mehr als sechs Jahre mit der Kamera unterwegs, Kerstin lebt seit mehr als zehn Jahren in Skandinavien. Welche Entwicklungen konntet ihr in dieser Zeit beobachten, auch in klimatechnischer Hinsicht?
Kerstin: Eine der gravierendsten Veränderungen, die ich beobachten konnte, ist die Entwicklung des Tourismus. Als ich im Jahr 2001 nach Island kam, herrschte dort noch Individualtourismus; gerade einmal 300.000 Besucher kamen pro Jahr dorthin. Dieses Jahr werden es 2,5 mehr Touristen werden; der Massentourismus hat jetzt schon deutliche Spuren hinterlassen. Gleiches gilt für die Lofoten, die im Sommer regelrecht überlaufen sind, und auch auf Spitzbergen gibt es Jahr für Jahr neue Besucherrekorde. Das hat natürlich nicht nur negative Auswirkungen, verändert diese Gegenden aber dennoch stark. Am gravierendsten verändert sich der Norden aber durch den Klimawandel, der hier viel schneller und extremer vonstatten geht, als in unseren Breiten. Tierpopulationen brechen ein, neue Arten breiten sich aus. Das Wetter schlägt eine Kapriole nach der anderen: mal regnet es viel mehr, mal stürmt es ununterbrochen, mal gibt es Winter komplett ohne Schnee, und mal unerwartet (und problematisch) viel davon. Alles scheint extremer und unberechenbarer zu werden, nichts ist mehr, wie es die Menschen von früher kennen. Und natürlich schmelzen die Gletscher – teilweise so schnell, dass man die Unterschiede Sommer für Sommer sehen kann. Am empfindlichsten reagiert das Packeis des Nordpolarmeeres, das momentan fast jedes Jahr einen neuen Negativrekord aufstellt. Wer noch am Klimawandel zweifelt, der muss nur in den hohen Norden kommen: hier sieht jeder die Veränderungen direkt vor Ort. Es ist tragisch.

Neben magischen Momenten, Naturphänomenen und Traumlandschaften seid ihr auch den Schattenseiten der Inseln des Nordens begegnet. Welche sind das und wie zeigen sich diese?
Kerstin: Olaf und ich sind kritische Menschen und wollen möglichst viele Facetten des Nordens beleuchten: nicht nur die schönen Dinge, sondern auch die ganz normale, teils bittere Realität. Von daher sprechen wir auch über Themen, die einen traurig und betroffen machen können. Das Verschwinden der Papageitaucher an Islands Küsten. Der Walfang der Färinger, oder die trostlose Situation der Inuit in einigen Dörfern Ostgrönlands. Und nicht zuletzt das Schmelzen des Packeises und die Auswirkungen auf die hochspezialisierten Tiere der kalten Regionen.

Wie kann eurer Meinung nach die Schönheit und Magie dieser Eilande auch in Zukunft bewahrt werden, was muss passieren?
Kerstin: Für das Bestehen der Gletscher und der einzigartigen Tierwelt der Polarregionen gibt es nur Hoffnung, wenn wir die Erderwärmung auf 2°C begrenzen. Dies kann uns noch gelingen, aber eben nur dann, wenn wir sofort agieren und uns für den Klimaschutz einsetzen. Weniger zu fliegen und regenerative Energien zu nutzen kann ebenso helfen, wie weniger Fleisch zu essen, lokale Produkte zu unterstützen oder eben sich politisch zu engagieren. Klimaschutz fängt im Kleinen an, und jeder kann seinen Beitrag leisten, Tag für Tag.

Hier könnt ihr die Reise-Reportage „Inseln des Nordens“ mit Kerstin Langenberger und Olaf Krüger live erleben:

Krefeld: Freitag 29. November
Düsseldorf: Sonntag, 1. Dezember
Bochum: Montag, 2. Dezember
Münster: Mittwoch, 4. Dezember
Aachen: Donnerstag, 5. Dezember
Mönchengladbach: Samstag, 7. Dezember
Köln: Sonntag, 8. Dezember

Infos und Tickets gibt es hier.



Veröffentlicht von Katharina Maksym am 18. November 2019 in der Kategorie »GRENZGANG-Referenten im Gespräch« mit den


Unsere Seiten: Spielorte Referenten FAQ

Artikel teilen:

Artikel kommentieren

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten zur Beantwortung meiner Anfrage elektronisch erhoben und gespeichert werden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an post@grenzgang.de widerrufen.