Immer auf dem Sprung. Motorradabenteuer in Kalifornien.

Wenige amerikanische Bundesstaaten sind populärer als Kalifornien: Der Pazifik malt mit dem legendären Highway No. 1 die Küstenlinie aus und die Sierra Nevada scheidet Weinbau von Wüste. Dazwischen liegen weltberühmte Nationalparks mit feinsten Straßen und herausfordernden Pisten. Gründe genug hinzufahren gibt es also. Aber was, wenn trotz kalifornischer Sonne der Kalender auf „Winter“ steht? Dirk Schäfer versucht dem Winter davonzufahren.


Platz für große Gefühle im Nordosten der Mojave-Wüste: Panamint Valley

Text und Fotos: Dirk Schäfer

Was ging Dir eigentlich durch den Kopf, als der letzte Winter unabweisbar vor der eigenen Haustür stand? Mal wieder an die Nordsee fahren, um sich richtig durchpusten zu lassen? Auf die zehn Tage Skiurlaub hin Fiebern, erst mit artigem Schlangestehen auf der Autobahn und dann am Lift? Machen wir uns nichts vor: Der Winter wird immer nur ein zweitklassiger Sommer sein. Wenn überhaupt! Deshalb habe ich dieses Mal an eine transkontinentale Winterflucht gedacht: Kalifornien. It never rains! Und von Schnee hat in Kalifornien erst recht noch niemand gesungen. Also: Startpunkt Los Angeles.

Ein Hinterhof in der Megacity. Karge Wände, fette Autos, ein Häuflein Motorräder. Darunter parkt eine flammneue 12’er GS Rallye. Für die nächsten Tage meine. Das mit dem “Rallye“ im Schriftzug nehme ich nicht ernst, denn selbst wenn morgen die Baja 1000 starten und über Nacht der Geist des seligen Meoni in mich fahren würde: Der Boxer läuft auf Straßensocken. Aber warum auch nicht? Für die Queen of Küstenstraße, den Highway No.1, sind die gerade recht. Bereuen werde ich später.

Venice Beach, Malibu und Ventura: Wer hier wohnt hat das ewige Leben am ewigen Strand. Sonne, Surfen, perfekte Bodys. Ich bleibe sterblich und tausche Bodystyling gegen Roadstyling. So sieht man zwar immer noch durchschnittlich aus, aber auf dem Nummer-1-Highway platzt das seelische Alltagsgrau ab und setzt längst vergessene Energien frei. Die dringen bis in die rechte Hand vor und beflügeln erst die Sinne, dann den Zweizylinder. Vierter, fünfter Gang, laaang und weit von einer Ozeanpanorama-Kurve in die nächste. Dazu strahlt der Pazifik mit einem Türkis in die Pupillen, Ozeanwind kräuselt durch kleine Wäldchen, schneeweiße Brücken überspannen Canyons und der Highway No. 1 wird zum asphaltierten Glückskeks. Das Leben ist eine Straße. Warum war ich nicht schon früher hier?


Einsamer Jäger: Coyote im Tal des Todes

San Francisco platzt aus allen Nähten. Der fulminante Highway 1 wird fulminant ausgebremst. Und ich mit ihm. Ein Internetgigant hat zu einer Konferenz mit 17.000 Teilnehmern in die Stadt am Golden Gate geladen. Die Nerds, Gurus und deren Jünger sind aus ihrer virtuellen Existenz herausgeschwappt und verstopfen das Real Life der Stadt. Was tun? Ich beame mich zu einem neuen, einen verschneiten Horizont. Der Sierra Nevada. Aber werden die wenigen Pässe über das Massiv noch geöffnet sein?

Auf einer der endlosen Geraden, die die Berge nie zu erreichen scheinen, machen Leuchttafeln Hoffnung. Einer der wichtigsten Straßenpässe über die Sierra Nevada, der Tioga-Pass, ist noch nicht von der drohenden Wintersperre betroffen. So bleibt Zeit, eine der Panoramastraßen im Yosemite-Nationalpark unter die Reifen zu nehmen: Die Glacier Road. Aus dem üppig grünen Tal des Merced River windet sie sich bis zu einer natürlichen Kanzel weit über dem Fluss. Exakt gegenüber auf der anderen Talseite ragt die Felsikone Halfdome in den Himmel. Jetzt, im späten Nachmittagslicht glimmt die Sonne noch einmal wie schmelzender Stahl, um dann samt ihrem Feuer zu erlöschen.


Staunen und genießen: Monumentale Natur im Yosemite-Nationalpark.

„Es wäre gut, wenn Sie so langsam den Rückweg anträten.“ Leicht erschrocken drehe ich mich um. Den Ranger hinter mir hatte ich im Sonnenuntergang-Fotowahn überhaupt nicht bemerkt. „Wieso? Stimmt was nicht?“ „Wir schließen die Straße gleich. Wintersperre!“ „Ich dachte, eine Wintersperre gibt es erst, wenn es schneit.“ „Richtig. Und morgen wird es schneien!“ Etwas kühl ist es tatsächlich geworden, um nicht kalt zu sagen. Der allwissende Bordcomputer der GS behauptet etwas von -2°C. Mit einer gewissen Dankbarkeit knipse ich die Griffheizung an und schwenke leicht fröstelnd zurück ins Merced River Tal. Mit der Morgensonne wird’s schon wieder wärmer werden!

Es wird nicht wärmer. Vorerst nur schlechter: „Tioga Pass Road closed!“ Die gleichen Tafeln, die mir gestern noch eine ungehinderte Passage nach Osten versprachen, haben es sich über Nacht anders überlegt. Der nächste Pass über die Berge liegt weit im Süden, der Sherman Pass unweit der gigantischen Sequoia-Bäume. Seine Westseite soll asphaltiert aber die Ostflanke geschottert sein. Straßensocken? Egal. Auf meinem Bike steht „Rallye“!

Die Schnee- und Schottersorge entpuppt sich als unbegründet, denn erstens ist der einsame Sherman noch schneefrei und noch dazu wie ein Smoothie geteert. Unterwegs ist kein anderes Fahrzeug, keine Menschenseele zu sehen. Willkommen im Lonesome-Cowboy-Land! Gleich um die Ecke, in den Alabama-Hills wurden tatsächlich Western gedreht. Heute ist die Gegend zwischen den Hills und dem Death Valley das Refugium von Querköpfen und Aussteigern. Beispiel gefällig?


Gandalf der Graue hat in East Jesus eine neue Wirkungsstätte gefunden

Steve wohnt in einer Hüttensiedlung namens Keeler. Zottelhaare, Zottelhaus, Zottelfahrzeuge. Alles was Räder hat versieht Steve mit einem Motor. In ein dreirädriges Einkaufsfahrrad hat er jüngst einen Rasenmähermotor eingebaut. „Fährt gut Tempo 60. Nur die Rahmenkonstruktion macht nicht richtig mit.“ Grinst in seinen Zottelbart und macht sich ans Vergasertuning einer indischen Rikscha. „Du solltest hoch nach Cerro Gordo fahren“, empfiehlt Steve. „Robert hat da oben schon lange niemanden mehr zu Gesicht bekommen.“

Kleine Canyons, softe Serpentinen, alpine Anstiege: Die Piste hinauf nach Cerro Gordo bringt die Sinne auf Vordermann. Auf der Passhöhe sind die Ruinen einer Minensiedlung gut erhalten. Robert, gepflegter Graubart, kariertes Hemd und Basecap, hat mich schon kommen hören. Er wohnt hier seit Jahren als einziger. Mit seinen 70 Jahren, sagt er ist er zu alt, um nochmal woanders hinzugehen. „Ich schreibe jetzt noch ein Buch. Nicht über mich sondern über diese Stadt. Ich fürchte, wenn ich weg bin, wird auch Cerro Gordo weg sein. Da soll wenigstens das Buch bleiben.“ Robert, der Letzte seiner Art weiß, dass er hier in der Einsamkeit seine letzte Stunde erleben wird. „Erzähl Deinen Freunden zu Hause von diesem Ort“, bittet er mit einem ehrlichen Lachen. „Die mögen vorbeikommen, solange es das hier noch gibt.“ Versprochen!

Drei lange Kehren markieren den Abstieg in Dantes Hölle. Ins Death Valley. Trockener und heißer geht es kaum. Im letzten Sommer war ich schon mal hier. Seinerzeit lag die Temperatur bei 48°C. Nachts! Jetzt gibt sich das Wüstental mit geradezu läppischen 32 Grad barmherzig. Tagsüber! Eine Gefahr für mein Wohlbefinden droht von ganz anderer Seite.


Hat die Stürme der Zeit überlebt: die legendäre Crowbar in Shoshone

Gerade habe ich die 12‘er vor der Panamint Bar geparkt, da steuert die Bedienung, eine blonde Sünde mit dem Augenaufschlag von Audrey Hepburn und dem Erdbeermund von Rihanna auf mich zu. Ich bestelle Espresso obwohl Eiswasser besser wäre. Morgan, die Kellnerin, und ich kommen ins Reden. Von einer wohlbehüteten Farm in Wisconsin ist sie hierher gezogen. Warum? „Mein großer Traum war immer schon, in der Wüste zu leben“, perlt es aus dem Erdbeermund. Mein großer Traum war es immer schon, Kellner zu werden. Denke ich, sage ich aber nicht, zahle und reiße mich von der Sirene los.

Es gibt einen Ort im Death Valley, den man nur im Winter anfahren sollte: Die Moving Rocks. Eine 48 Kilometer lange Piste von ausgesuchter Biestigkeit führt hin. Und wieder zurück. Die Belohnung: Ein Blick auf die wandernden Steine. Ebensolche werden jedem Besucher auf der Piste in den Weg gelegt. Steine prallen metallisch gegen den Motorschutz, garstige Absätze fordern die Federung heraus. Vielleicht hätte ich der Rallye doch noch Grobstöller spendieren sollen? Rallye? Rallye!


Naturwunder im Schneckentempo: Die „Moving Rocks“ bewegen sich bei bestimmten Wetterlagen von selbst

Die Sonne steht schon tief, als ich den Grund des ausgetrockneten Sees erreiche. Felsen und Steine haben die langen Spuren ihrer Wanderung auf dem knochenharten Lehm für Monate, wenn nicht Jahre hinterlassen. Die Spuren meiner Fahrt hierher werden aber mit dem Wind am nächsten Morgen wieder verwehen. Irgendwo wird’s wieder neue geben. Im nächsten Frühjahr. Dann werden die Spuren der Moving Rocks noch da sein. Robert vielleicht auch. Und die Erinnerung an einen Winter, der keiner war.

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In seiner Reise-Reportage „USA – Der Südwesten“ berichtet der Reise- und Motorradfotograf von den Wüstenregionen Kaliforniens und Colorados, dem glühenden Death Valley, dem Colorado River und den verschneiten Rocky Mountains. Erlebt ein Roadmovie, dass dank technisch aufwändiger Bilder und Videos vermeintlich Bekanntes in völlig neuem Licht erscheinen lässt!
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Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 4. November 2018 in der Kategorie »Reportage« mit den Schlagwörtern: , ,


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