Mein Büro liegt im Ozean

Als Meeresbiologe und Forschungstaucher begleitet Uli Kunz wissenschaftliche Expeditionen. Mit seiner Forschungstauchfirma Submaris macht er Tauchgänge im Auftrag von Universitäten und Instituten und betreut Dreharbeiten für Fernsehsender und Produktionsfirmen. Der Ozean als Arbeitsplatz, von Uli Kunz.


© Uli Kunz, Der Walhai ist der größte Fisch der Welt – und für Menschen völlig ungefährlich, da er sich nur von Plankton ernährt.

Ich kann mir nicht immer aussuchen, wo ich arbeite, bei welchen Temperaturen oder welcher Sichtweite ich ins Wasser gehe und zu welcher Jahreszeit ich aufbreche. Die Aufgabe unter Wasser, das Projekt und die aufgenommenen Daten haben Vorrang. Was etwas ungemütlich klingt, hat natürlich meistens große Vorteile, denn ich konnte bisher an vielen ungewöhnlichen und schwer zu erreichenden Plätzen tauchen und dabei mit Forschungsschiffen, Tauchbooten und Tauchrobotern arbeiten. Die Faszination für abenteuerliche Orte hat mich nie losgelassen: Ich bin mit 150 Kilogramm Ausrüstung in eine französische Höhle geschwommen, bin in den geheimnisvollen Cenoten im mexikanischen Dschungel abgetaucht und habe dort archäologische Schätze aus der Maya-Zeit fotografiert, wurde 50 Meter in einen Brunnenschacht abgeseilt, von einem Walhai über den Haufen geschwommen und von Blauhaien umkreist, habe ein Tauchboot in einem riesigen Wasserkraftwerk gefilmt und bin in der Arktis fast von einem Buckelwal verschluckt worden.



© Uli Kunz, Deutschlands einziges bemanntes Tauchboot JAGO auf dem Meeresboden vor Norwegen.

Als Fotograf und Kameramann genieße ich es, wenn ich auf einem Tauchgang keine dokumentarischen Aufgaben übernehme, sondern meine eigenen Bilder verwirklichen und künstlerische Ideen umsetzen kann. Die große Herausforderung der Unterwasserfotografie liegt nun einmal darin, kreativ ein Bild in der unmittelbaren Umgebung zu schaffen, da die begrenzten Sichtweiten natürlich keine weit entfernten Motive erlauben.


© Uli Kunz, Robbe

Bei einem Tauchgang im Roten Meer versuchte ich über eine lange Zeit erfolglos, ein Portrait eines großen Barrakudas aufzunehmen. Der Bursche hatte allerdings kein großes Interesse daran, in meine Kamera zu lächeln. Er schwamm immer weiter weg und zeigte mir seine schuppige Rückseite. Je mehr ich verzweifelte, desto überzeugter wurde ich von dem Motiv, das ich die ganze Zeit vor Augen hatte: Ein majestätischer Raubfisch, der im offenen Ozean gemächlich seine Bahnen zieht, sich nicht im Geringsten um die Geschicke des schwerfälligen Tauchers hinter ihm schert, der ihm nicht annäherungsweise in die Tiefen folgen könnte, in denen er zu Hause ist. Ich erinnerte mich daran, dass renommierte Unterwasserfotografen in Vorträgen, Büchern und Seminaren regelmäßig darauf hinweisen, einen Fisch niemals von hinten zu fotografieren. Und drückte auf den Auslöser. Es ist eines meiner besten Bilder.


© Uli Kunz

Uli Kunz live erleben! Reise-Reportage „Tiefenrausch“ am Sonntag 25.02.2018 um 10:30 Uhr im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln. Alle Infos und Tickets auf www.grenzgang.de.

Der Text ist ein Auszug aus der GRENZGANG News, Ausgabe 3, erschienen im Oktober 2016.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 28. Januar 2018 in der Kategorie »Reportage« mit den Schlagwörtern: , ,


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