Mit dem Fahrrad einmal um die Welt – Peter Smolka bricht erneut auf!

Am Gründonnerstag 2013 bricht der Erlanger Abenteurer Peter Smolka auf, um mit dem Fahrrad die Erde zu umrunden. Viereinhalb Jahre wird er unterwegs sein, 88.000 Kilometer im Sattel sitzen. Eine seiner Missionen: Alle Erlanger Partnerstädte besuchen. Am 6. Mai wird Peter Smolka um 18 Uhr in der Alten Feuerwache seine Live-Reportage „Rad ab II – Tour de Friends“ präsentieren, in der er seine komplette Weltumradlung schildert.

Text/Bilder: Peter Smolka

Software kann man nicht riechen. Software kann man nicht schmecken. Und fühlen kann man sie auch nicht. Software kann man noch nicht einmal sehen, nur ihre wirren Symbole. Software ist in Wirklichkeit gar nicht soft – sie ist nicht fassbar.Hätte ich nicht die spröden Computerwissenschaften studiert, sondern das Bäckerhandwerk erlernt, käme wahrscheinlich nicht immer wieder dieser Fluchtreflex durch. Brötchen zu backen, würde mir sicherlich mehr Zufriedenheit geben, als unsichtbare Informationseinheiten hin- und herzuschubsen. Als Bäcker befriedigt man schließlich existentielle Bedürfnisse der Menschen. Das Tagwerk ist etwas Handfestes. Brötchen sind fassbar.

Kalte Computer, Bits und Bytes. Ist es nicht logisch, dass es einen Informatiker ab und zu aus dem Büro herauszieht, in die Ferne, in die echte Welt?

Nach acht Jahren Software-Entwicklung bin ich jedenfalls fällig für ein neues Abenteuer. Irgendwann kommt mir die Idee, alle Erlanger Partnerstädte mit dem Fahrrad zu besuchen. Die meisten liegen in Europa, San Carlos und Riverside jedoch in Amerika. Somit wird die Reise – die Tour de Friends, wie ich sie nun taufe – eine Reise rund um den Globus werden. Dr. Siegfried Balleis, zu der Zeit noch Oberbürgermeister von Erlangen, ist von dem Projekt begeistert. Er gibt mir Grußbriefe für alle Partnerstädte mit auf den Weg.

Am Gründonnerstag 2013 schwingen sich beim offiziellen Start vor dem Rathaus auch 20 Freunde und Bekannte in ihre Fahrradsättel. Einige wollen ein paar Tage mitfahren, manche ein paar Wochen, drei Freunde wollen mich bis nach Russland begleiten. Leider zieht sich der Jahrhundertwinter 2013 bis weit in den April hinein. Es ist frostig kalt, der Wind bläst uns bissig aus Osten ins Gesicht. Die Gruppe wird schnell kleiner, entgegen den Planungen sind wir bereits in Polen nur noch zu viert.

Auch in Osteuropa zieht sich der Winter einen Monat länger hin als gewöhnlich. Mitte April sind die Masurischen Seen noch zugefroren, Anfang Mai frieren unsere Wasserflaschen in Russland ein. Dann plötzlich zwei Tage Frühling, als wir Wladimir erreichen und vom OB Sergej Sacharov empfangen werden. Auf einer ausgedehnten Radtour führt er uns bei angenehmen Temperaturen durch seine Stadt. Und dann ist der Sommer da, mit beinahe 30 Grad im Schatten. Vor drei Tagen sind wir noch mit Handschuhen geradelt.

Kasachstan mit seiner weiten Landschaft und den stürmischen Winden wird zu einer mentalen Herausforderung. Meine Freunde sind von Moskau aus zurückgeflogen, längst bin ich allein unterwegs. Wochenlang mit demselben Bild vor den Augen: endlose Steppe und eine gerade Straße, die die Monotonie in zwei Hälften teilt. Selten geben Langstreckenradler auf, weil ihre Beine müde sind. Meist hat die Tristesse der leeren Länder sie besiegt, ist der Kopf müde geworden.

Das abwechslungsreiche, gebirgige Kirgistan entschädigt für die eintönige Zeit in Kasachstan. Einige Bergpässe sind über 3000 Meter hoch, eine gute Vorbereitung auf den Karakorum Highway, der mich auf mehr als 4000 Meter hinaufführen wird. Doch Visumprobleme stoppen mich vor der chinesischen Grenze. Mein Reisepass muss die Reise nach Deutschland antreten, bekommt nach fünf Wochen endlich das Chinavisum eingestempelt und fliegt zurück nach Kirgistan. Gerade noch rechtzeitig, auf dem Karakorum Highway ist bereits der erste Schnee gefallen. Im Winter wird diese einzige Straße zwischen China und Pakistan für vier Monate geschlossen.

Von Pakistan radele ich über Lahore nach Indien. Ein Land, das eigentlich kein Reisender „ganz gut“ findet. Der eine liebt Indien, der andere möchte nur schnell wieder raus. Es kommt auch sehr darauf an, wie man das Land bereist. Radfahrer gehören normalerweise zur schnell-wieder-raus-Fraktion. Das Hauptproblem: Als Reiseradler stehst du hier in der Öffentlichkeit wie bei uns ein Ronaldo oder ein George Clooney. Nur hast du im Regelfall keine Angestellten, die dich abschirmen. Privatsphäre? Gibt es nicht!
Als ich vor zehn Jahren von Bangladesch nach Pakistan durch den Norden Indiens fuhr, schauten mich nur diejenigen an, die zufällig da waren. Heute rufen sie aber per Handy auch noch ihre Freunde zusammen. Das tut zum Beispiel der Betreiber einer Garküche in Rajasthan. Ich verstehe ja nicht, was er durchruft, aber … Moment … doch!

Doch, wenn ich genau hinschaue, erkenne ich, was er sagt:

„Seid ihr in der Nähe? Ja? Kommt schnell! Ich habe hier ein ganz witziges Tierchen sitzen! Total putzig, man könnte ihm stundenlang zuschauen. Ein exotisches Kerlchen mit rosaroter Haut und einer ziemlich großen Nase. Spricht kaum, aber kommt wohl aus Europa. – Ja! Das dürft ihr euch nicht entgehen lassen! Kommt schnell, schnell, es frisst gerade!“ – Du bist im Zoo, aber auf der anderen Seite des Zauns.

Nach der Durchquerung Südostasiens reise ich von Vietnam zum zweiten Mal nach China ein. In sechs Wochen legt in Shanghai das Containerschiff Hanjin Ottawa ab, Richtung Osten, nach Kanada. Eine willkommene Chance, auch zwischen den Kontinenten langsam weiterzureisen. Nach 25.000 Kilometern im Radfahrtempo wäre ein Hüpfer mit dem Flugzeug desillusionierend. So aber bleibt Mutter Erde, was sie ist: ganz schön groß!

14 Tage habe ich auf dem Ozean Zeit, mich von Asien zu lösen und auf Nordamerika einzustellen. Der Kontrast könnte größer kaum sein. China opfert seine Natur längst schon dem wirtschaftlichen Wachstum. In den Millionenstädten kann man die Sonne auch an wolkenlosen Tagen nur noch erahnen, weil Abgasdunst den Himmel verhüllt. Die Lebenserwartung in China sinkt derzeit. Kanada – viel, viel dünner besiedelt – ist dagegen Natur pur, wild, einsam, frisch. Nach der Reise durch die dicht bevölkerten Staaten Asiens ein Land zum Durchatmen.
Im Süden der USA überreiche ich in Riverside das zweite Erlanger Grußschreiben. Der Absender des Briefes – OB Siegfried Balleis – ist in der Zwischenzeit aus dem Amt gewählt worden. Den neuen Oberbürgermeister Florian Janik lerne ich schon bald danach kennen. In Nicaragua! Zufälligerweise ist er dort mit einer Erlanger Delegation unterwegs, als ich mich unserer Partnerstadt San Carlos nähere.

Meine allererste Radreise liegt 40 Jahre zurück. Insgesamt war ich seitdem 250.000 Kilometer mit dem Rad unterwegs und habe, alles zusammen genommen, 12 Jahre im Sattel gesessen. Nie bin ich überfallen worden. Gestohlen wurden mir nur Kleinigkeiten, nämlich Kleidungsstücke von der Wäscheleine – einmal in Ungarn und einmal in Malawi.

Auf dieser Reise holt mich alles ein. Es beginnt relativ harmlos, als in Vancouver meine Geldkarte geklont wird und plötzlich 1200 US-Dollars auf meinem Konto fehlen, abgehoben im fernen Las Vegas. Die Karte wird automatisch gesperrt, das Geld nach einem aufwendigen Procedere zurückerstattet.

In Managua dann ein bewaffneter Überfall. Zu Fuß bin ich auf dem Weg von der Herberge zum Einkaufen, als mich zwei Männer zu Boden werfen und mit einer Machte bedrohen. Am Ende komme ich mit einem blauen Fleck davon. Allerdings werde ich noch wochenlang unter einem Trauma leiden.

Und schließlich in Argentinien der absolute Tiefpunkt: Im Provinzstädtchen San Ignacio Miní wird mein Fahrrad gestohlen. Drei Jahre und 60.000 Kilometer hat es mich treu bis hierher begleitet. Obwohl ich in den folgenden Tagen viel Lärm im Ort mache und auch eine Belohnung aussetze, taucht das Rad nicht wieder auf. Es ist der einzige Moment der gesamten Reise, in dem ich daran denke, die Tour abzubrechen.

Doch via Internet gibt es viel Zuspruch von daheim. Die Leser meiner regelmäßigen Reiseberichte wollen Geld für ein neues Rad sammeln. Gleich fünf befreundete Reiseradler bieten mir außerdem leihweise ihre Räder an. Und dann kommt auch noch eine Mail meines Sponsors: Wir bauen Dir ein neues Fahrrad auf!

Bis zur brasilianischen Küste fahre ich mit einem billigen argentinischen Drahtesel, da nur kurz nach dem Diebstahl mein Schiff nach Südafrika ablegt. Zwei Wochen dauert die Reise über den Atlantik. In Kapstadt trifft wenige Tage nach mir auch das neue Fahrrad ein.

Afrika ist ein wenig enttäuschend. Seit meiner Erlangen-Kapstadt-Tour vor 25 Jahren war Afrika mein Lieblingskontinent. Die Menschen waren immer freundlich und lebensfroh, in angenehmer Weise neugierig, gebettelt haben nur die wirklich Bedürftigen. Inzwischen gibt es besonders in den äquatornahen Ländern einen regelrechten Bettelreflex, wenn ein Weißer gesichtet wird. Niemand bettelt einen reichen Afrikaner an, der aus einem teuren Auto aussteigt. Wenn aber ich mit dem Fahrrad vorbeikomme, rufen die Gelegenheitsbettler: „Give me money!“

Kontrastprogramm im Sudan. Hier kann ich gar nicht all die Einladungen zum Essen oder für die Übernachtung annehmen. Nach wie vor sind die Menschen äußerst einfühlsam und gastfreundlich. Die sogenannte „Achse des Bösen“ zieht sich vom Sudan durch den Nahen Osten bis zum Iran. Und ausgerechnet die Einwohner dieser beiden Ländern zählen zu den freundlichsten auf der ganzen Welt.
Genau vier Jahre nach dem Aufbruch kehre ich über den Bosporus nach Europa zurück. Istanbuls Stadtteil Beşiktaş ist die vierte Erlanger Partnergemeinde auf meiner Reise. Die restlichen sechs Grußschreiben sind in Westeuropa auszuliefern. Vom Bosporus nach Erlangen wären es auf der kürzesten Route 2.000 Kilometer – wegen des weiten Bogens durch den Westen liegen aber noch 11.000 Kilometer vor mir!

Der lange Weg durch Europa dient zugleich der kulturellen Akklimatisierung. Ein Kulturschock wird mich ohnehin nicht treffen, auch das ist ein Vorteil des langsamen Reisens. Als ich dann am 10. August 2017 vor dem Erlanger Rathaus einradle, bin ich nicht einmal traurig, dass die große Reise nun plötzlich zu Ende ist.

„Du hast so viele Länder gesehen, wo würdest Du denn am liebsten leben?“, ist eine der häufigsten Fragen. – Ich bin durch traumhafte Landschaften gefahren, habe viele warmherzige Menschen getroffen, die verschiedensten Kulturen erlebt, großartige Erfahrungen gemacht. Aus allen Weltgegenden kann man wertvolle Denkanstöße mitnehmen. Aber meine Heimat – da brauche ich nicht lange nachzudenken – wird immer Deutschland sein.

Alle Infos und Tickets zur Reise-Reportage „Rad ab II – Tour de Friends“ am 6. Mai in der Alten Feuerwache in Köln gibt es hier hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 30. April 2018 in der Kategorie »Reportage« mit den Schlagwörtern: , ,


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