Monsunzauber – Reisen trotz Regenzeit. Ein Bericht von Steffen Hoppe.

Wann nahm ich das erste Mal Regen wahr? Ich meine nicht als lästige Erscheinung, sondern als Lebensspender. Da muss ich immer wieder an einen Nachmittag im Jahr 2003 im Süden des Niger zurück denken. Es hatte zum ersten Mal seit langer Zeit geregnet. Ein alter Herr stand vor seinem Haus und blickte strahlend zu einem Wirrwarr zerrissener Wolken empor und sagte: L’eau, la source de la vie. In den folgenden Jahren entbrannte wieder meine alte Liebe zu Asien. Zufällig besuchten wir Myanmar zu Beginn der Monsunzeit, als riesige Kumolonimbuswolken über dem Shan-Bergland standen und die unerträgliche Hitze nur durch sintflutartige Regenfälle gelöscht wurde. Auf einer anderen Reise mühten wir uns in einem Kleinbus den Karakorum Highway in Pakistan in die Berge hinauf. Erdrutsche waren abgegangen, die unsere Weiterreise behinderten, aber die Landschaft, sonst grau-braun, glänzte in unwirklichen grün. Der Monsun ist nicht nur ein Wetterphänomen, sondern auch ein Gefühl.

Kambodscha, Angkor
Bangkok liegt unter einem bleigrauen Himmel. Wie immer dauert es unendlich lange, bis der Kleinbus dem Verkehrschaos der Millionenmetropole entfliehen kann. In Richtung der kambodschanischen Grenze stehen Straßen kilometerweit unter Wasser, aber irgendwie geht es immer weiter. Am Nachmittag überquere ich die Grenze. Mit anderen Touristen teile ich mir ein Taxi nach Siem Reap. Das Licht wird schon trübe, der östliche Horizont ist in ein drohendes schiefergrau übergegangen. Doch erst in der Nacht öffnen sich die Schleusen, Tonnen von Wasser stürzen auf Kambodscha hinab. Der Regen trommelt ohrenbetäubend bis zum frühen Morgen hernieder. Bei Tagesanbruch erinnern nur riesige Pfützen und die geschlossene Wolkendecke an das nächtliche Schauspiel. Doch die südlichen Stadtteile von Siem Reap, die näher zum Tonle Sap See liegen, stehen gut einen halben Meter unter Wasser. So etwas hätte sie noch nie erlebt, sagt mir Ponheary, die das Seven Candles Guesthouse leitet. Aufgrund der Abholzung der Regenwälder im Norden, fehlen die Bäume, die früher einen Teil der Niederschläge aufgenommen hätten. Ungebremst schießt das Wasser nun in Richtung Tonle Sap. Später fahre ich mit dem Rad durch das riesige Tempelareal von Angkor. Die Farben der Flechten und Moose, die wie ein Schutzmantel über den hinduistischen und buddhistischen Bauwerken liegen, werde ich nie vergessen. Regentropfen perlen in filigranen Spinnennetzen und dunkle Wasserstreifen überziehen lächelnde Apsaras. Über allem liegt eine düstere, aber doch feierliche Atmosphäre. Ich bin ergriffen, aber doch irgendwie auch traurig. Würde ich diese Schönheit und Anmut nochmals erleben?

Myanmar – Von Männern und Memmen
Über der Andamanensee ballen sich finstere Wolken zusammen, darunter wehen Vorhänge bis auf die Wasseroberfläche hinab, der Wind kommt in immer heftigeren Böen daher. Schnell noch ein paar Bilder vom kleinen Kloster, so, auf, zurück zum Hotel. Klar, die Regenwolken sind schneller als ich. Sintflutartiger Regen setzt ein. Ach was, kracht herunter, die Luft ist flüssig. Mir kommt ein kleiner Mönchsnovize entgegen. Ich frage ihn, ob ich ihn fotografieren dürfte. Kein Problem. Was bedeuten schon ein paar Sekunden still stehen, klatschnass klebt die rote Robe an seinem Körper. Dann gehen wir unsere Wege. Was ein Inferno!

Zwei Männer versuchen mit einem schweren Ochsenkarren im weichen Sandstrand vorwärts zu kommen. Der eine schiebt, der andere drischt auf die beiden Tiere ein. Die Sicht schrumpft in den stürzenden Wassermassen auf wenige Meter, schemenhaft tauchen Fischer auf, laufen zu ihren Booten. Ob ich nicht mitkommen mag, jetzt sei eine gute Zeit zu fischen, die Fische kommen an die sauerstoffreiche Wasseroberfläche. Der Mann schmunzelt, scheint meine Antwort zu kennen. Ich Memme will bei dem Wetter nicht auf den Ozean raus.

Verzweifelt versuche ich meine Objektivlinse trocken zu halten, in der einen Hand die Kamera, in der anderen tanzt der Schirm im Wind. Der klappt aber immer wieder ein, ach egal. Wochen später wird mir mein Fotohändler erklären, dass die Linsen des Objektivs komplett verschimmelt sind. Zuhause schaue ich mir glücklich die Aufnahmen von den Menschen im Regen am Setse Beach an und freue mich über meine lockere Haltung gegenüber Gebrauchsgütern.

Indien – Als der Monsun nach Orcha kam
Zaghaft wird es hell, ich kann in meinem Zimmer schon die Umrisse der Möbel erkennen. Seit geraumer Zeit rollt von weitem dumpfes Donnergrollen über das Land und nährt die Hoffnung auf baldigen Regen. Gestern Abend erhellte ständiges Wetterleuchten die Dunkelheit, aber die Erde blieb durstig. Die lähmende Hitze ließ selbst in den frühen Nachtstunden kaum nach, so besuchte ich spät den Markt in Orcha. Wenn es nicht bald regnet, klagten die Händler, werden Lebensmittel wie Obst und Gemüse immer teurer. Jetzt, keine acht Stunden später, höre ich genüsslich dem nahenden Monsun zu. Plötzlich flutet grelles weiß-violettes Licht den Raum, rings herum knistert es, ein lauter Knall lässt die Luft vibrieren, als sei eine Bombe direkt neben meinem Zimmer eingeschlagen. Für kurze Zeit fühle ich mich wie gelähmt. All das dauert vielleicht zwei Sekunden. Dann wieder Ruhe, noch intensiver als zuvor. Bald setzt ein gleichmäßiges Rauschen ein, nicht heftig, als taste sich der Regen erst ganz langsam voran. Von draußen höre ich Stimmen, Lachen. Meine Gastgeber sind wach. Auch ich stehe auf, um den Regen zu sehen. Staub und Hitze waren gestern, heute wird das Leben neu geboren. Oder um es mit den Worten von Bob Marley zu sagen: Manche Menschen spüren den Regen, andere werden nur nass.

Nepal – In den Monsunschatten
Wenn wir es nicht selbst erlebt hätten, wir würden es nicht glauben. Zufrieden blicken meine Frau Regina, unsere Tochter Sandrine und ich nach Süden. Wir sitzen vor unserem Zelt auf einer trockenen Wiese. Unser Guide Lakpa Sherpa steht bei uns. „We left the Monsun“. Ja, selbst dieses mächtige, schier alles niederwälzende Wetterphänomen wird vom Himalaya ausgebremst. Die Annapurna II, fast achttausend Meter hoch, steckt in dichten Nebeln. Doch hier, wenige Kilometer weiter nördlich, treiben nur dünne Wölkchen über einen tiefblauen Himmel. Wir wollen die Monsunreisen im Licht enden lassen. Daher entschieden wir uns für dieses Trekking auf die im Monsunschatten liegende Nordseite des Annapurna Himal.

Anderntags begleitet uns ein trockener Wind durch die atemberaubende Schlucht des Phu Khola in Richtung der tibetischen Grenze. Wie ein Adlerhorst klebt das Dorf Phu an einem steilen Hügel. Bewässerungskanäle leiten Quell-und Schmelzwasser auf die Terrassenfelder. Kartoffeln, Buchweizen und Hirse bauen die Dörfler an. Niederschlag gibt es hier so gut wie keinen. Den Besuch des Tashi Lakang Klosters verschieben wir auf morgen. Auf 4065 Metern stockt in der dünnen Luft unser Bewegungsdrang. Am nächsten Vormittag übergeben wir der Nonne Sri Surya einige buddhistische Gebetsfahnen. Ein Dank an die Götter und guten Geister, die während aller Reisen über uns wachten.

Die Schönheit der Regenzeit dokumentiert Steffen Hoppe in seiner Reise-Reportage Monsunzauber. Diese präsentiert er am 24. Februar zum Thementag Südasien. Kommt vorbei und reist mit ihm von Kambodscha über Thailand nach Myanmar und Indien, hinauf nach Nepal.

Weitere Infos und Tickets gibt es hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 21. Januar 2019 in der Kategorie »Reportage« mit den


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