Patagonien, das schönste Ende der Welt – Eine Bestandsaufnahme von Ralf Gantzhorn

Patagonien, das schönste Ende der Welt, verändert sich. Eine Bestandsaufnahme von Ralf Gantzhorn

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin ein „Aficionado“. Ein Abhängiger, ein Süchtiger ohne Aussicht auf Heilung. Meine Sehnsucht heißt Patagonien. Seit über dreißig Jahren fahre ich fast jeden Südsommer dorthin. Freunde von mir merken dazu manchmal an, warum ich mir nicht das viele Geld spare und in eine Immobilie da unten investiere. Das würde der Umwelt gut tun und ich würde mir eine Menge Herumsitzen in unbequemen Fliegern ersparen. Wahrscheinlich haben die Freunde recht.
So aber bin ich zum 27. Mal unterwegs von El Calafate, dem wichtigsten Touristenort auf der argentinischen Seite der patagonischen Anden, nach El Chalten. Und wie beim allerersten Mal schaue ich wie gebannt aus dem Fenster des Linienbusses, kann nicht den Blick von der vorbeirasenden Landschaft wenden. Scheinbar endlos ziehen sich die gelbbraunen Ebenen dahin, eine monströse, monotone Einöde, die uns Europäer schon wegen ihrer unfassbaren Weite in ihren Bann zieht. Aber ich weiß auch, gleich kommt er, kurz hinter La Leona, wenn nicht gerade alles unter spektakulären Wolkenbergen verborgen ist. Und dann tatsächlich: Während die meisten Mitreisenden schlafen, macht mein Herz einen Sprung: Da steht er, in über hundert Kilometern Entfernung, wie eine Fata Morgana aus rotgrauem Granit – der Fitz Roy und seine Trabanten. Für mich die aufregendste Hochgebirgskulisse der Welt. Erinnerungen werden wach, an meine erste Reise nach Patagonien. 1985 war das und ich wollte eigentlich mit dem Fahrrad zum Cerro Torre. Voller Elan und Schwung war ich damals mit dem Fahrrad, ausgerüstet mit einer Torpedo-3-Gang-Schaltung, von Buenos Aires aus gestartet. Und scheiterte am ewigen Wind und den gigantischen Distanzen. Manchmal saß ich heulend neben der Schotterpiste, mich und die Idee verfluchend. Und mit der deprimierenden Erkenntnis, dass ich mit nur 25 Kilometern Tagesleistung bei Gegenwind nie im Süden ankommen würde. Schließlich habe ich mein Fahrrad in Bariloche geparkt und bin mit einem Militärflugzeug nach El Calafate geflogen. Vier Tage suchte ich dort nach einem passenden Transport, um an den Fuß von Fitz Roy und Cerro Torre zu gelangen, El Chalten gab es schließlich noch nicht (es sollte erst ein Jahr später gegründet werden). Am Ende nahmen mich Arbeiter für die damals im Bau befindliche Brücke über den Rio Fitz Roy mit.

Danach war ich 14 Tage allein unterwegs, 14 Tage ohne Menschenseele weit und breit. Und nach knapp zehn Tagen Warterei präsentierte sich der Cerro Torre dann zum Sonnenaufgang komplett wolkenfrei. „Wenn mir jetzt ein Stein auf den Kopf fällt, sterbe ich als glücklicher Mensch“ – so steht es tatsächlich in meinem Tagebuch. Okay, ich war 21 Jahre alt. Der Bus hält. Alle knapp 50 Gäste des voll besetzten Busses müssen aussteigen, wir sind am Haus des Nationalparks „Los Glaciares“ am Eingang von El Chalten angekommen. Dort erwarten uns zwei Ranger, die – einer in Englisch, die andere in Spanisch – über die Verhaltensregeln innerhalb des Nationalparks aufklären und anschließend jeden einzelnen Gast registrieren und nach dessen Zielen fragen. Neben mir steht ein anderer Kletterer. Er hat genau wie ich 36 Stunden von Frankfurt bis nach El Chalten benötigt. Anders als ich möchte er jedoch keine fünf Wochen bleiben, sondern nur die auf Meteo blue und NOAA vorhergesagte Schönwetterlücke für eine Begehung am Cerro Torre nutzen. „Wenn alles klappt, bin ich nächste Woche schon wieder zurück bei Frau und Familie“, gibt er zu Protokoll. Ich bin ein wenig fassungslos, realisiere ich doch erst jetzt in aller Deutlichkeit, dass das angebliche Ende der Welt durchaus auch nicht langsamer zu erreichen ist als Berchtesgaden von Hamburg aus mit Stellwerkstörung. Und dass es für die meisten von uns eine absolute Selbstverständlichkeit ist, mal eben irgendwo zum Klettern um die halbe Welt zu jetten. Als ob Fliegen keinen Dreck produzieren würde, als ob es kein Morgen gäbe. Aber bin ich nicht genauso? Eigentlich sogar schlimmer, da ich mit meinen Fotos und Reportagen so viele Menschen in den Bann Patagoniens gezogen habe? Das Land ist – teilweise auch durch meine Tätigkeit – zu einem der Sehnsuchtsziele für Natur-liebende Wanderer und Kletterer geworden. Die entscheidende Frage ist: Machen wir durch das, was wir tun, kaputt, was wir lieben? Leider gibt es – wie so häufig – keine simple Antwort. Ein eindeutiges „Ja“ kommt, wenn wir uns ein wenig mit dem durch den Menschen verursachten Klimawandel und seine Auswirkungen auf Patagonien beschäftigen. In El Chalten jagt ein Temperaturrekord den nächsten, folgt Rekordsommer auf trockenen Winter. Und während sich Kletterer und Bergsteiger über die mittlerweile schon fast zu erwartenden langen Schönwetterphasen freuen, sind die Folgen für die immer noch beeindruckende Gletscherwelt der patagonischen Eisfelder beängstigend: Zehn Prozent des jährlichen Meeresspiegelanstiegs von momentan drei Millimetern pro Jahr gehen auf die Gletscherschmelze Patagoniens zurück.

Der Marinelli-Gletscher auf Feuerland hat sich seit 1950 um über 15 Kilometer zurückgezogen, der größte Auslassgletscher auf der argentinischen Seite des Eisfeldes, der Uppsala, um teilweise bis zu 700 Meter pro Jahr (2004). Aber es ist ja auch logisch: Bei einer Durchschnittshöhe von nur 1500 Metern werden selbst bei einer nur minimalen Temperaturerhöhung von einem Grad riesige Flächen innerhalb des Gletschersystems vom Nährgebiet zum Zehrgebiet. Dass der Perito-Moreno-Gletscher als berühmtester Eisstrom Patagoniens da eine Ausnahme macht, hängt nur mit der speziellen geografischen Situation des Gletschers zusammen: Er hat das Nährgebiet eines benachbarten Gletschers angezapft und profitiert von den – ebenfalls aufgrund des Klimawandels – gestiegenen Niederschlagsmengen im Südwesten Patagoniens. Jetzt zum „Nein“. Argentinien ist ein Land der wirtschaftlichen Dauermisere. Obwohl von Natur aus mit allen vorstellbaren Reichtümern gesegnet, schaffen es die wechselnden Regierungen mit großem Erfolg, das Land durch Korruption und Misswirtschaft zu ruinieren. Der Strohhalm, der zumindest dem Süden des Landes das Auskommen sichert, heißt Tourismus. Würden die ausländischen Gäste nicht so viel Geld in die lokalen Kassen spülen, gäbe es weder die Maßnahmen zum Schutz der einzigartigen Natur – noch deren Überwachung. Und der Tourismus hat zu zahlreichen privaten Naturschutzgebieten geführt, viele Gäste haben sich in das Land schlichtweg verliebt. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich der Esprit- und The-Northface-Gründer Doug Tompkins, der viele Millionen seines privaten Vermögens in die Errichtung diverser Nationalparks in Patagonien steckte.

Aber auch in El Chalten sind private Investoren tätig, die argentinische Immobilien-Firma „Cielos Patagonicos“ zum Beispiel hat das Gebiet nördlich des Fitz Roy gekauft und hier das Schutzgebiet „Los Huemules“ geschaffen. Das Geschäftsmodell der Firma lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Rund zehn Prozent des etwa 5800 Hektar umfassenden Reservats werden kommerziell erschlossen und an interessierte Investoren zum Erwerb eines Hauses verkauft. 90 Prozent bleiben Wildnis und unterliegen den gleichen Kriterien zum Schutz der Natur wie im benachbarten Nationalpark „Los Glaciares“. Dabei werden Wege für Wanderer angelegt und sogar Schutzhütten nach alpinem Vorbild errichtet. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Häuser und der Verpachtung der Hütte kommen dann der Firma zugute. Übrigens: Das innerhalb des Schutzgebiets „Los Huemules“ errichtete Refugio Caglieri liegt traumhaft schön unterhalb des Inlandeises und ist längst nicht so überlaufen wie die im Sommer regelmäßig überbelegten Zeltplätze in den ehemaligen Basislagern von Torre und Fitz Roy. Ehemalig? Ja! Denn Klettern an Patagoniens Traumgipfeln hat nichts mehr mit der von Reinhard Karl beschriebenen Tiefkühlbox-Romantik zu tun: „Im Kühlschrank sitzen und 100-Mark-Scheine verbrennen“ – so heißt sein Spruch-Klassiker der Bergpoesie. Geblieben ist davon lediglich das Verbrennen vieler, vieler Peso-Scheine.

Patagonien ist weiterhin eines der teuersten Reiseländer der Welt, von Schweiz und Norwegen einmal abgesehen. Aber schlechtes Wetter sitzt man heute in den Pizzerien und Cafés in El Chalten aus. Oder man geht an den Hunderten im Wald verstreuten Granitblöcken Bouldern und Sportklettern an den bis 200 Meter hohen Wänden oberhalb des Dorfes. Den dort nistenden Kondor stören die vielen Kletterer übrigens nicht. Und wenn die Wettervorhersage im Internet gut ist, stürmen sie alle los, hoffen, als Erste an den bekannten Klassikern zu sein. Staus nicht ausgeschlossen. Das Dorf wirkt dann wie verlassen und lässt seine Bewohner zurück in der Hoffnung, dass dieses Mal kein Unfall passiert. Denn die Berge Patagoniens sind weiterhin groß, und einen Rettungsdienst nach europäischem Vorbild gibt es nicht. Nicht einmal einen Hubschrauber. Wenn tatsächlich etwas passiert, müssen die Dorfbewohner raus, sie haben mithilfe von privaten Spenden die „Grupo de Rescate“ organisiert. Fünf Wochen war ich dieses Mal in El Chalten. Der Sommer war in der Saison 2017/2018 ein durchschnittlicher, ich selbst durfte auf der Aguja Mermoz und der Aguja de la S stehen, den Cerro Torre hat im Februar niemand mehr geschafft. Dazu war ich nach 1993 und 2006 zum dritten Mal im so genannten „Circo de los Altares“, dem „Kreis der Altäre“ auf der Westseite des Cerro Torre. Wie der Name andeutet ein Ort, an dem Religionen entstehen könnten.

Aber auch ein Platz, der die durch den Klimawandel hervorgerufenen Abschmelzprozesse auf dem Inlandeis verdeutlicht wie kein zweiter. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Patagonien hat sich verändert, auch durch den Tourismus. Ob man dabei der Vergangenheit hinterhertrauert oder nicht, spielt keine Rolle. Der Süden Amerikas ist ein Teil dieser Erde, und die Zivilisation entwickelt sich dort genauso weiter wie im Rest der Welt auch. Mit allen positiven wie negativen Begleiterscheinungen. So ist ein Stück Normalität in Patagonien eingekehrt, die wahrscheinlich auch viel zum Schutz der einmaligen Natur beiträgt.
Für mich ist das Land weiterhin das schönste Ende der Welt. Jedoch sollte man nicht enttäuscht sein, dass in den bekannteren Regionen der Hauch des Wilden Westens bereits vorübergeweht ist. Ein Pionierland ist Patagonien trotzdem noch, das Klima und die Weite des Landes sorgen schon dafür. Man muss vielleicht jetzt nur etwas mehr suchen.

Ralf Gantzhorn LIVE erleben!

GRENZGANG-Reise-Reportage „Patagonien“ am 1. März im Rahmen des Thementages Bergwelten, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, Tickets und Termine gibt es auf www.grenzgang.de



Veröffentlicht von Katharina Maksym am 17. Februar 2020 in der Kategorie »Allgemein, Reiseberichte« mit den


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