„Russlands Seele ist riesig“ – Interview mit den Abenteurern von leavinghomefunktion

Das fünfköpfiges Künstlerkollektiv leavinghomefunktion versetzt den Hausrat, kauft sich alte russische Ural-Motorräder und macht sich auf den zweieinhalb Jahre langen Landweg nach Osten, Fernziel: New York. Im Mai präsentieren die Künstler ihr unglaubliches Reiseabenteuer auf der GRENZGANG-Bühne. Vorab haben wir sie für ein kurzes Interview getroffen:

Könnt ihr euch kurz vorstellen: Wie heißt ihr und was war eure Funktion auf dieser abenteuerlichen Reise?

Euer Projekt heißt „leavinghomefunktion“. Was steckt hinter diesem Namen?
Leaving Home function ist ein Begriff, der von VW in der Automobilbranche geprägt wurde. Hierbei geht es darum den Weg von der Haustür zum Auto „gefühlt sicherer“ zu gestalten, indem das Licht des Autos schon mal brennt und uns so wohlbehalten zum Gefährt zu leiten. Dementsprechend funktioniert auch das Prinzip der ‘Coming Home function’.
‘leavinghomefunktion’ wurde zum Namen des Projektes als wir den Begriff selbst beim Wort nahmen – Funktion-des-Zuhause-zu-Verlassens. Was wir wollten ist, unseren Alltag zu verschieben, das gewohnte Umfeld verlassen, um unser Leben eine Zeitlang in ungewisses, fremdes Territorium zu verlagern. Der Plan war es einer noch sicheren Routine zu entgehen, unserem Durst nach ungefilterter Information nachzukommen und neue Raumkonstruktionen zu erkunden. Die ausgetretenen und wohl-ausgeleuchteten Wege verlassen – das war unsere Wahl, um uns die Welt, in der wir leben zu entdecken und verständlicher zu machen.

Wieso seid ihr in dieser Gruppe gereist und woher kam die Idee zu dieser verrückten Idee?

Wie habt ihr euch auf die Reise vorbereitet?
Vorbereitung ein gutes Thema. Erst einmal haben wir unsere Eltern auf den Fakt vorbereitet, das wir in rund einem Jahr um die Welt fahren wollen. Daraus wurden dann 1,5 Jahre und zur Abfahrt hieß es dann 2 Jahre. Wir dachten, so können sie sich besser an den Gedanken gewöhnen. Draus wurden schließlich 2,5 Jahre bis wir wieder kamen.
Unsere Vorbereitungsphase dauerte 5 Monate. In dieser Zeit haben wir unsere Motorradführerscheine gemacht, Rüdiger Nehberg Bücher verschlungen und unseren gesamten Hausrat verklingelt. Dazu kam, dass wir noch eine Öffentlichkeitspräsenz brauchten, Websites etc. und der Presse klarmachen mussten, dass wir etwas ganz Tolles vorhaben. Zwischen dem täglichen Check der Seite vom Auswärtigen Amt und Businesskonzept für potentielle Sponsoren haben wir unsere erste eigene Firma gegründet und sind somit direkt auf Geschäftsreise gegangen.

Warum eigentlich mit dem Motorrad?
Die Ural 650 ist ja nicht irgendein ‘Motorrad‘. Ich glaube es gibt zudem genügend Leute, die dieses ‘Motorrad’ nicht einmal als solches bezeichnen würden – es ist ein russisches Gespann, das für seine zahllosen Pannen berühmt berüchtigt ist. Ein Fakt, der uns jeder Orts die Sympathien der Einheimischen sicherte und uns mit vollkommen unerwarteten Charakteren an den unmöglichsten Orten zusammen brachte. Ein Geschenk.

Die allergrößte Zeit eurer Reise habt ihr in Russland verbracht. Was bewundert ihr an Russland? Was können Deutsche von Russland lernen?

Der große Antagonismus Russland – USA, wie habt ihr das erlebt? Antwort auf Englisch

Wie habt ihr diese außergewöhnliche Reise finanziert?
Tja ohne die richtigen Lottozahlen mussten wir uns etwas einfallen lassen. Zum Glück gab es wirklich sehr viele Menschen, die an das Projekt geglaubt haben und uns via Crowdfunding unterstützen. Alles Weitere haben wir durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen, durch exklusives Videomaterial, gesponsertes Equipment und knapp acht Monate Vollzeit mit Kanadischem Arbeitsvisum in Vancouver gestemmt bekommen.
Na und während der Reise haben wir jeden Morgen beim Zähneputzen und Kleidung waschen ganz unbeirrt ins Flussbett gestarrt, in der Hoffnung den Goldnugget zu finden, der uns die nächste Etappe finanziert. Und nur selten, glücklicherweise, waren die Jungs kurz davor eines von uns Mädels gegen ein wertvolles Rennkamel einzutauschen…

Wo hat es am meisten geknirscht unterwegs?

Habt ihr zwischendurch an`s Aufgeben gedacht?
Wo ist der Punkt, an dem aufgeben möchte, wenn die Grenzen des Machbaren verschwimmen?
Sicher hat jeder von uns mehr als einmal die Nase voll gehabt – möglicherweise zu Recht oder doch nur getrübt durch den Schein des Augenblicks… Doch es gab nie den Moment, an dem wir alle gleichzeitig rot gesehen haben. Und so relativiert sich das ganze Drama recht schnell, wenn der Rest der Truppe ruhig bleibt und erst einmal Kaffee kocht. Wir hatten es doch schon so weit gemeinsam geschafft!

Fahrt ihr alle noch Motorrad?
Glücklicherweise hatten wir nach unserer Rückkehr alle noch einmal TÜV für unsere Russischen Schönheiten bekommen. Daraufhin sind wir letzten Sommer mit den Urals gleich nochmal nach Russland gefahren, um ein paar unserer Freunde zu treffen, die wir auf der Reise kennen gelernt hatten. Mittlerweile fahren wir nur noch ab und zu mit den dicken Mopeds – denn zugegeben, man ist einfach besser und vor allem pünktlich dran, wenn man das Ding auf den Hänger packt und mit dem Auto fährt.

Was macht ihr mit dem ganzen Material und euren Erinnerungen, die ihr gesammelt habt?

Die ganze Geschichte erzählt euch leavinghomefunktion live am 5. Mai in Köln und am 12. Mai in Düsseldorf.
Infos und Tickets gibt es hier.

Mehr über das Projekt erfahrt ihr auf der Homepage von leavinghomefunktion.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 10. April 2019 in der Kategorie »GRENZGANG-Referenten im Gespräch« mit den


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