Übermorgenland I Oman und Emirate – Interview mit Orientexperte Hardy Fiebig


Dubai’s imposante Skyline ändert sich rapide, ständig entstehen neue Hochhäuser.

Hardy Fiebig pendelt seit Jahrzehnten zwischen drei Welten: Deutschland, Arabien und Ostafrika. Seine Jugend hat er in Kairo verbracht, mit 21 Jahren radelte er vom Bodensee bis zur Südspitze von Afrika, heute lebt er abwechselnd in Nairobi und Köln. Im Mai präsentiert er sowohl seine Reise-Reportage als auch die Dinnershow „Oman und Emirate“ in Köln. Im Interview spricht er mit uns über seine Reisen in die Golfregion.

Für diejenigen, die dich noch nicht kennen – kannst du dich kurz vorstellen:
Meine Brötchen verdiene ich vorrangig mit meinen Live-Vorträgen zu Afrika und Arabien, also gewissermaßen als moderner Geschichtenerzähler im gesamten deutschsprachigen Raum. Mit den drei oben genannten Kulturkreisen fühle ich mich besonders intensiv verbunden und versuche, zwischen diesen Welten Brücken zu bauen und zu vermitteln. Das stand für mich auch bei der Gründung von Grenzgang 2003 im Vordergrund: Ich habe Grenzgang als Vehikel gesehen, Verständnis zu wecken und Offenheit zu pflegen. Seit ich 2006 zum Ehrenbotschafter von Kenia ernannt wurde, hat dieser Aspekt für mich sicher nochmals an Gewicht gewonnen. Seit 2011 lebe ich die Hälfte des Jahres in Kenia, wo ich mich mit kenianischen Freunden in einer Stiftung für den Erhalt des kenianischen Natur- und Kulturerbes engagiere. Der Treasures of Kenya Trust und sein deutscher Schwesterverein, der Treasures of Kenya e.V. nehmen momentan Zweidrittel meiner Kraft und Aufmerksamkeit ein.

Wann bist du zum ersten Mal in den Oman und die Emirate gereist?
Im Herbst 1997, nach meiner Diplomarbeit im Südjemen, bin ich über Land in den Oman gereist. Was für ein Gegensatz: Der Jemen: archaisch, wild, ungezähmt. Das Sultanat von Oman: Ein arabisches Musterländle. Mein erster Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten fiel auf das Jahr 2009, als ich für die Recherchen meines „Weihrauchland“-Bildbands an den Golf gereist bin. Der erste Eindruck war so abgefahren, dass ich dachte: „Du musst möglichst bald wiederkommen!“


© Hardy Fiebig, Bei der Kleidung sind Omanis eher konservativ: Die Dishdasha, das traditionelle lange Gewand, ist Schuluniform und Dienstkleidung für Verwaltungsbeamte.

Seit drei Dekaden bereist du den arabischen Raum. Den Orient bezeichnest du sogar als eine deiner drei Heimaten. Was bedeutet für dich Heimat und wie nah fühlst du dich dem Orient?
Mit dem Begriff Heimat verbinde ich eine besondere Vertrautheit, kleine Dinge im Alltag, die mich zuhause fühlen lassen, liebe Menschen und besondere Erinnerungen, die sehr emotional sind.
Ein super emotionales orientalisches Heimatgefühl wird immer durch den Gebetsruf des Muezzins in mir wachgerufen. 8 Jahre lang wurde ich jeden Morgen von einem regelrechten Konzert Dutzender Muezzine geweckt, im Halbschlaf bekam dieser Klang etwas Traumhaftes, Heiliges – und bis heute macht mich das richtig sentimental.

Wie nah ich mich dem Orient fühle? Ich hatte das Glück, mit meiner Familie im Alter von 8 Jahren nach Kairo umzuziehen, erst mit 16 bin ich dann wieder nach Deutschland zurückgekommen. Ägypten, das wurde recht schnell zu meinem Zuhause und hinzu kam, dass diese Zeit am Nil einfach unwahrscheinlich wichtig für mich war. Der Orient hat mich stark geprägt, denn in den ägyptischen Jahren bin ich in die Pubertät gekommen und war das erste Mal über beide Ohren verliebt, hier sind die ersten Berufsträume entstanden. Und: die vielen besonderen Erlebnisse in einem arabisch-islamischen Land, aber auch die Abenteuer, die wir in der Wüste und am Roten Meer erlebten, sowie das Gefühl der Internationalität in der Weltstadt Kairo haben meinen Weg als Reisender zwischen verschiedenen Welten vorgezeichnet.

Einerseits fühle ich mich dem Orient sehr nah und vertraut: Wenn ich Arabisch höre, bestimmte Düfte rieche, bei jemandem die orientalisch-ausladende Gestik beobachte, fühle ich mich direkt auf eine besondere Art verbunden. Allerdings muss ich auch sagen: Den wunderbaren Orient, den ich als Kind in Ägypten, auf meiner Fahrradtour im Nahen Osten und im Sudan, sowie während meiner Diplomarbeit im Jemen noch kennenlernen durfte, den gibt es so nicht mehr, weil er in den meisten Ländern der arabischen Welt in erheblichem Maß zwischen den politischen Entwicklungen von Extremismus und Aggression, von Krieg und Terrorismus zerrieben worden ist.


© Hardy Fiebig, Der Viehmarkt von Nizwa bietet Bilder wie aus einem anderen Jahrhundert.

Der Oman ist ein Land zwischen Tradition und Moderne und befindet sich im steten Wandel. Wie hast du diese Entwicklung auf deinen Reisen wahrgenommen?
Für mich besteht das Magische, das Besondere des Oman zu einem guten Teil darin, dass das Land eine großartige Infrastruktur besitzt und sehr modern geprägt ist, gleichzeitig aber die Grundwerte seiner Kultur, die Traditionen, das Selbstverständnis und die Würde der Menschen dabei weitgehend unangetastet geblieben sind – wie bringt man das bitte schön unter einen Turban? Das fand ich immer sehr faszinierend. Dass es hier offenbar trotz der Entwicklung eine kulturelle und traditionelle Kontinuität gibt, ist wirklich außergewöhnlich. Das haben wir so ja noch nicht einmal in Deutschland hinbekommen, wo Traditionen oft nur noch musealen, folkloristischen Charakter haben, oder als Anlässe für Konsum-Orgien dienen. Für mich ist das eine Erklärung, warum die Omanis so ausgeglichen sind und es im Land keine großen politischen Brüche und keinen erwähnenswerten Extremismus gibt – sie sind bei sich geblieben, trotz der Veränderung im Außen.


© Hardy Fiebig, Abu Dhabi, die Hauptstadt der Emirate, bietet einen aufregenden Architekturmix aus hypermodernen Gebäuden und orientalischen Architekturelementen.

Und wie sieht es hier bei den Emiraten aus?
Der Fall der Emirate ist noch ein bisschen extremer, weil die Einheimischen eine absolute Minderheit von unter 20% im eigenen Land stellen. Augenscheinlich sind zumindest die urbanen Zentren Dubai und Abu Dhabi sehr international und von den vielen Gastarbeitern aus aller Welt geprägt. Andererseits legen viele Emiratis Wert auf ihre traditionelle Kleidung und auch die Moralvorstellungen in den Emiraten scheinen konservativer als im Oman. Und doch habe ich hier den Eindruck, dass gerade die junge Generation scheinbar mühelos zwischen Dishdasha und Imma langem Gewand und Kopftuch, und Jeans und Sneakers hin- und herwechseln … Von staatlicher Seite werden gewisse Aspekte der ursprünglichen Traditionen bewusst kultiviert. So kann man im Fernsehen z.B. stundenlang Kamelrennen und Geschwindigkeitswettkämpfe von Greifvögeln gucken …

Bei deinen Reisen lernst du unzählige Menschen kennen und bekommst so einen guten Einblick in die Gesellschaft. Kannst du uns erzählen wovon die jungen Bewohner träumen?
Die Gesellschaften in Oman und den Emiraten sind ähnlich von der Digitalisierung durchdrungen wie hier bei uns in Europa, das Smartphone als Unterhaltung, Kontaktbörse, Kommunikationsmittel, Präsentationsfläche und Statussymbol ist bei Jugendlichen mindestens ebenso wichtig. Allerdings spielen die Familie und deren Zusammenhalt, aber auch Religion eine viel bedeutsamere Rolle als bei uns. Für viele junge Omanis sind die Cousins und Cousinen gleichzeitig die besten Freunde, mit denen man die meiste Zeit verbringt. Ebenfalls bemerkenswert: Das Auto als Kultobjekt und Lebensart hat viel mit dem American Way of Life gemeinsam. Andererseits habe ich das Gefühl, dass gegenüber der amerikanischen Lebensart ein sehr ambivalentes Verhältnis besteht: Man liebt Fastfood, PS-protzende Autos, Markenartikel und Konsum, aber gleichzeitig lehnt man den amerikanischen Anspruch der politischen Vormachtstellung und manch andere Aspekte des American Way of Life ab.


© Hardy Fiebig, Am Golf koexistieren unterschiedlichste Wertvorstellungen: Eine junge Iranerin, die in Dubai als Messehostess arbeitet, ist unverschleiert.

Wie ist das Verhältnis von Mann und Frau?
Tatsächlich sind arrangierte Ehen eher die Regel denn die Ausnahme. Allerdings räumen die jungen Omanis, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, den Eltern ein, dass sie die beste Wahl im Interesse ihrer Kinder treffen und dass sie einen gut genug kennen, um den richtigen Partner zu finden. Da man nicht, wie in Europa, über Jahre hinweg seine eigenen Erfahrungen in Beziehungsfragen sammeln machen kann, ist dieser Gedanke auch gar nicht so abwegig – zumal ja nun wirklich auch nicht alle Beziehungen, die in Europa im Selbstversuch entstehen, glücklich enden. Ich glaube, dass die Art, wie man erzogen wird und aufwächst, einfach einen unheimlich großen Einfluss darauf hat, was als akzeptabel und erstrebenswert empfunden wird.

Was ich immer wieder von deutschen Vortragsbesucherinnen erzählt bekomme, ist die Tatsache, dass sich die Emirate und Oman auch als alleinstehende Frau sehr gut auf eigene Faust bereisen lassen. Das liegt darin begründet, dass in diesen beiden Ländern den Frauen als dem Zentrum jeder Familie etwas Heiliges zugesprochen wird, das geschützt und respektiert werden muss. Zudringlichkeiten wie in manchen anderen arabischen Ländern muss frau daher nicht fürchten.

Und schließlich: Es wäre ein großer Trugschluss, den Frauen in Oman und den Emiraten ein Selbstbewusstsein und vor allem auch einen Einfluss abzusprechen, nur weil sie in der Öffentlichkeit deutlich zurückhaltender auftreten als die Männer. Zuhause habe die Frauen das Sagen – meine arabischen Freunde sprechen daher gern vom Innenminister – und haben nicht nur die Kompetenz, sondern auch ihre Wege, ihre Interessen bei der Erziehung der Familie, bei den Finanzen und vielen anderen wichtigen Bereichen gegenüber den Männern durchzusetzen.
Übrigens legen die Omanis ebenso wie die Emiratis genauso großen Wert auf die gute Ausbildung ihrer Töchter, und Frauen arbeiten als Angestellte in Firmen und der Verwaltung, sind sehr erfolgreiche Geschäftsfrauen und bekleiden höchste Staatsämter. In den ländlichen Regionen wird Vieles allerdings konservativer gehandhabt.

Du bist Ende letzten Jahres wieder in den Oman gereist. Was hast du dir angeschaut?
Jetzt im Winter wollte ich vor allem Drohnenaufnahmen schießen. Aber leider habe ich schon am dritten Tag meine Drohne gründlich gecrasht. Trotzdem wurde es noch eine denkwürdige Reise, vor allem, weil ich im Nordoman ganz neue Teile der Hajar-Berge mit zum Teil spektakulären Wadis erkundet habe.

Kann man dort individuell reisen?
Beide Länder eigenen sich absolut für individuelle Reisen, ob man nun mit offiziellen Verkehrsmitteln oder mit dem Mietwagen unterwegs ist. Ich habe auch immer wieder Radfahrer gesehen. Da beide Länder sehr auf den Autoverkehr ausgerichtet sind, würde ich nach Möglichkeit allerdings mit dem Mietwagen fahren. Ein Paradies sind beide Länder für Leute, die keine Berührungsangst mit dem Campen haben. Die Sicherheitslage in beiden Ländern ist durchgängig hervorragend, so dass man bedenkenlos im Freien übernachten kann. Und an den schönsten Stellen gibt es oft ohnehin keine Hotels. Da ist es natürlich das Schönste, einfach sein Zelt in der Einsamkeit aufzuschlagen.


© Hardy Fiebig, Die Landschaft Mussandams, einer Halbinsel, die den Eingang zum Persisch-Arabischen Golf bewacht, bietet eine spektakuläre Landschaft aus Fjorden und hohen Bergen.

Welche kulturellen Besonderheiten muss man beachten?
Insgesamt ist das Reisen unkompliziert und Omanis und Emiratis sind großherzige, hilfsbereite Gastgeber. Zwei Dinge halte ich aber doch für wichtig, um die Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen: Das Eine: In der Öffentlichkeit wird kein Alkohol konsumiert. Man erhält zwar in verschiedenen Bars und Restaurants alkoholische Getränke, aber dann sollten sie auch dort getrunken werden. Wer alkoholisiert am Steuer erwischt wird, wird die ganze Härte des Gesetzes erfahren.
Und bei der Kleiderordnung muss man gewisse Kompromisse eingehen, als Mann wie als Frau. Wenn mann im ländlichen Raum in Shorts unterwegs ist, macht er sich schlicht lächerlich. Für die Einheimischen sieht das nach Unterhosen aus. Auch ärmellose Hemden würde mann nicht tragen. Und bei Frauen ist Kleidung zu empfehlen, die Schultern und Knie bedecken und nicht die körperlichen Reize übermäßig betont, sonst könnte frau doch mal auf Ablehnung oder unziemliche Reaktionen stoßen. Ein Kopftuch muss man als europäische Frau nicht tragen, das erwartet niemand – außer beim Moscheebesuch. Wenn frau sich im ländlichen Raum locker ein Tuch über die Haare legt, wird sie allerdings viel Freude ernten, darüber, dass die lokalen Gepflogenheiten gekannt und respektiert werden.

In Dubai und Muskat wird die Kleiderfrage deutlich lockerer gesehen. Und an ausgewiesenen Badestränden ist wirklich nichts dabei, einen Bikini oder Badeanzug zu tragen.

Beim Betreten eines Privathauses oder einer Moschee zieht man sich prinzipiell die Schuhe aus.


© Hardy Fiebig, Die Sultan Qaboos Moschee in Muskat lädt auch nicht muslimische Besucher zu einem Besuch ein und belohnt sie mit großartiger Architektur.

Der Untertitel deiner Reise-Reportage „Oman & Emirate“ heißt Übermorgenland. Was meinst du damit?
Orient = Morgenland, hypermoderner Orient = Übermorgenland.

Worauf können sich die Besucher deiner Reise-Reportage „Oman und Emirate“ freuen?
Einige Tipps für eigene Reisen, großartige Landschaften, viele Einblicke in die Alltagskultur, interessante Menschenbegegnungen und reichlich Humor.

Am 5. Mai präsentiert Hardy Fiebig seine Reise-Reportage „Oman & Emirate“ live in der Kölner Volksbühne am Rudolfplatz. Weitere Infos und Tickets gibt es hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 17. April 2019 in der Kategorie »GRENZGANG-Referenten im Gespräch« mit den


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