Unterwegs in der kanadischen Wildnis

Text & Fotos: Sonja Endlweber

Nach 10 Jahren gemeinsamen Jahren und 10.000 km mit ihrem Partner, dem Abenteuerreiter Günter Wamser, ist Sonja Endlweber im vergangenen Sommer mit ihren Pferden und Hündin Leni alleine durch die kanadische Bergwelt geritten.

Es ist stockdunkel. Noch ist der Mond nicht aufgegangen. Nur die Sterne tauchen die Landschaft in ein schwaches, silbernes Licht. Im Pyjama stehe ich neben Lightfoot und Rusty und rede mit ruhiger Stimme auf die Pferde ein. Mir ist kalt. Mein Herz klopft wild. Lightfoot stößt ein scharfes, bedrohliches Schnauben aus und zerrt nervös am Führstrick. Ich umklammere diesen noch fester. Die Pferde dürfen jetzt nicht abhauen. Rusty macht einige mutige Schritte nach vorne, springt dann aber erschrocken zurück und versteckt sich hinter seinem Kumpel. Ich habe ihm noch kein Halfter angelegt, doch jetzt wage ich es nicht, mich zu bewegen. Keine 100 Meter von uns entfernt ziehen zwei große, dunkle Schatten langsam über die Wiese. Sie kommen direkt auf uns zu. Hilflos stehe ich da, in einer Hand den Führstrick in der anderen den Pfefferspray, und komme mir lächerlich vor. Was soll ich mit EINEM Pfefferspray bei ZWEI Grizzlybären! Leni liegt im Zelt und schläft. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass meine kleine Hündin nicht aufwacht. Sie würde es sofort mit den Bären aufnehmen, und sie hätte keine Chance. Lightfoot zittert am ganzen Körper. Auch mir schlottern die Knie. Wäre doch Günter jetzt hier, denke ich, doch eigentlich würde das gar nichts ändern. Für die Bären macht es keinen Unterschied. Wenn sie mich fressen wollen, dann tun sie es so oder so. Für sie spielt es keine Rolle, dass ich alleine bin. Und so absurd die Situation auch ist, bei diesem Gedanken muss ich grinsen.

Die Idee alleine loszuziehen war beides, eine Trotzreaktion und eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht danach, endlich wieder mit meinen Pferden in der Wildnis unterwegs zu sein. Da Günter sich lieber seinem neuen Abenteuer Weltumsegelung widmet, wollte ich eben alleine losziehen. „Ach, verschwende doch nicht deine Zeit, das traust du dir ja doch nicht“, hatte Günter dann letzten Winter ganz beiläufig gesagt. Ich saß am Boden, hatte die Wanderkarten vor mir ausgebreitet und tüftelte schon seit Stunden an einer Route. Touché! Das hat getroffen. Meine fragile Euphorie bekam sofort einen Sprung. Vielleicht hatte er ja recht. Vielleicht würde ich jetzt große Pläne schmieden und dann im letzten Moment doch vor meiner eigenen Courage zurückschrecken? Doch im selben Moment spürte ich, wie mein zaghafter Mut plötzlich Unterstützung bekam. An seine schwache Seite gesellte sich eine starke Stütze: der Trotz. Jetzt erst recht!

Zwei Monate später, Ende Juni, holt Monika mich und die Pferde von der Fiddle River Ranch in den kanadischen Rocky Mountains ab. Rund 600 km südwestlich im Regenschatten der Coast Mountains liegen die South Chilcotin Mountains. Sie zählen zu den schönsten und abwechslungsreichsten Wildnisgebieten British Columbias. Für mich völliges Neuland. In meiner Euphorie wollte ich nicht nur erstmals alleine losziehen, sondern auch gleich eine ganz neue Gegend erkunden. Ob das so eine gute Idee war? Denke ich jetzt, während wir gemütliche auf dem Yellowhead Highway Richtung Süden rollen. Die ersten 500 km fahren wir auf Asphalt, mit dem kleinen Ort Lillooet lassen wir diesen und den Großteil der Zivilisation hinter uns. Ich bin dankbar für Monikas Gesellschaft. Eine bessere Fahrerin und Freundin hätte ich mir an diesem Tag nicht wünschen können. Ihre ruhige und optimistische Art ist ein wohltuender Kontrapunkt zur steigenden Unruhe in mir.
Auf einer Lichtung nahe dem 40-Einwohner-Dorf Gold Bridge laden wir Rusty und Lightfoot aus. Nach der langen Fahrt sind sie gierig nach Bewegung. Nervös sehen sie sich um. Ligthfoot wiehert, spitzt die Ohren, wiehert nochmals. Und mir wird schlagartig klar, dass sie die anderen Pferde suchen. „No boys, we are on our own.“ Und plötzlich fühle ich mich sehr allein, obwohl Monika noch da ist, noch bis zum nächsten Morgen da sein wird. Doch in diesem Moment, in dem die Pferde realisieren, dass sie alleine sind, wird auch mir bewusst, auf was ich mich einlasse. 4 Wochen alleine unterwegs. Warum kann ich nicht einfach Badeferien auf Mallorca machen?

Alleine im Zelt gehe ich durch ein Wechselbad der Gefühle. Auf was habe ich mich da eingelassen? Wochenlang alleine in den Bergen. Kann ich das überhaupt? – mein Kopf sagt ja, aber mein Bauch ist sich da nicht so sicher. Will ich das? – Kopf und Bauch schwanken zwischen Euphorie und Bangen. Wie wird’s mir gehen, wochenlang alleine ohne einem Menschen zu begegnen? Halte ich mich selbst aus? Mein Daumen pocht. Beim Einladen in den Trailer habe ich mir eine kleine Schürfwunde zugezogen. Nichts Schlimmes, nur eine Erinnerung daran, aufzupassen.

Schnellen Schrittes reiten wir am nächsten Morgen den steilen, kurvigen Weg bergauf. In den 1920er Jahren wurde dieser Pfad von Goldsuchern angelegt, die hier ihr Glück suchten. Die Pferde sind aufgeregt und gehen flott voran. Zu flott, Lightfoot schwitzt bereits am ganzen Körper. Rusty bleibt immer wieder stehen, und schnauft unter der Last seiner Packboxen. Easy boys, it’s ok, will ich sie beruhigen, doch sie spüren meine Unruhe. Wir sind noch keine 20 Minuten unterwegs, da begegnen wir dem ersten Bären. Er sitzt direkt vor uns auf dem Weg. Schaut uns einen Moment lang erschrocken an und springt dann mit zwei Sätzen in den lichten Wald. Lightfoot scheut, mehr erschrocken vor der abrupten Begegnung als vor dem Bären selbst. Leni springt hinter dem Bären her. Ich fluche lautstark, brülle Leni zurück und versuche die Kontrolle über mein Reitpferd nicht zu verlieren. 20 min on the trail – und schon das erste Wreck? Shit! Doch es geht gut aus, der Bär verschwindet im Wald, Leni kommt zurück und Ligthfoot und Rusty beruhigen sich wieder. Nur mir schlottern die Knie.
Zwei Stunden später habe wir über 1000 Höhenmeter zurückgelegt und die Baumgrenze erreicht. Doch die alpinen Wiesen, auf denen ich die erste Nacht verbringen wollte, sind weiß. Verdammt, fluche ich schon wieder. Vielleicht hätte ich diesmal doch auf den Rat der Einheimischen hören sollen?
„You cannot ride up there, there’s still way too much snow”, hatte mir der Chef von Chilcotin Holidays vor zwei Tagen am Telefon gesagt. “Unless your horses are snow proof and can climb over avalanches.” Einen Abend lang war ich verzagt, unsicher, traurig. Mit einem einzigen Satz hatte er all meine Pläne zunichtegemacht. Doch warum sollte es diesmal anders sein, als in all den Jahren davor. Es war doch schon immer so, dass irgendwer gesagt hat, „Was ihr machen wollt, das geht gar nicht“. Wenn wir immer auf diese Ratschläge gehört hätten, wären wir niemals losgeritten. Und so beschloss ich: Ich werde mich nicht abhalten lassen, sondern einfach losgehen, und es selbst herausfinden. Wagemutig und tapfer bin ich mir dabei vorgekommen. Eigenschaften, die mir jetzt gerade völlig abhandengekommen sind.

Ich binde die Pferde an, setze mich auf einen Felsen und betrachte die winterliche Schneelandschaft. Wunderschöne Schitouren könnte man hier machen. Eine Träne kullert über meine Wange. Ich will nicht umkehren, doch mein kleines Abenteuer fühlt sich bereits jetzt an, wie ein Misserfolg. Ich kann das Scheitern riechen, es riecht nach Schnee. Nicht nur, dass der Schnee ein Hindernis ist, gibt es hier auch fast kein Futter. Wäre Günter jetzt hier, was würde er tun? Am liebsten würde ich losheulen, doch gleichzeitig wird mir bewusst, wie sinnlos das ist. Es ist keiner da, um mich zu trösten, und es ist auch keiner da, den ich um seine Meinung fragen kann. Ab jetzt werde ich alle Entscheidungen selbst treffen müssen.
Ich raffe mich auf, packe und sattle ab und binde die Pferde an eine Highline. Dann mache ich mich mit Leni auf den Weg, die Berge rundum zu erkunden. Der Pass Richtung Westen ist völlig eingeschneit. Bis zum Oberschenkel versinke ich im Tiefschnee. Leni klettert mühevoll in meinen Fußstapfen hinterher. Keine Idee, wo der Trail verläuft. Hier kommen wir nie durch.
Ohne große Hoffnung wende ich mich Richtung Norden, hinauf zum Camel Pass. Ich bin mir sicher, dass auf der Nordseite große Schneefelder auch diesen Weg versperren. Dann würde uns nichts anderes übrigbleiben, als der Rückzug ins Tal. Ich hetze bergauf, denn ich will die Pferde nicht zu lange alleine lassen. Atemlos stehe ich eine Stunde später auf dem Pass auf 2.300 m. „Wow, Leni, look at this!“ Jetzt erst halte ich inne. „It‘s beautiful!“ Leni ist das völlig egal. Sie schnüffelt hinter jedem Felsen nach den Spuren der Murmeltiere und Pfeifhasen, doch die Aussicht auf die schneebedeckten Berge, die sich Gipfel hinter Gipfel, in scheinbar endloser Abfolge rundum erheben, lässt sie kalt. Ich atme tief durch und betrachte die Nordseite des Passes. Hie und da gibt es tatsächlich freie Flächen zwischen den Schneefeldern. Der Abstieg ist weder steil noch exponiert. Ich laufe ein Stück bergab, jetzt, abends, ist der Schnee weich, aber mit etwas Glück friert es heute Nacht. Ich weiß noch nicht, ob wir da runterkommen, aber es ist nicht unmöglich.

Zwei Stunden später bin ich zurück bei den Pferden. Nicht euphorisch, aber doch voller Optimismus und Tatendrang. „Ich glaube, wir können diesen Pass schaffen. Und wenn wir den schaffen, dann schaffen wir auch alle anderen“, erzähle ich Leni vor dem Einschlafen, dankbar, dass ich eine Zuhörerin für meine Selbstgespräche habe. Sie antwortet mir mit einem großen, treuherzigen Blick. Es ist mir egal, wohin wir gehen, scheint dieser zu sagen, solange wir dorthin gemeinsam gehen. Im Zwei-Stunden Rhythmus stehe ich auf und lasse Lightfoot und Rusty abwechselnd frei. In dieser ersten Nacht wage ich es nicht den E-Zaun aufzustellen. Es gibt einfach zu wenig Futter.

Wir bewältigen den Pass ohne Probleme. Wäre Stolz eine Farbe, ich würde grün leuchten. Immer wieder laufe ich voraus, versuche die Schneefelder zu umgehen oder den sichersten Weg hindurch zu erkunden. Die Pferde folgen mir, stapfen ohne Zögern durch den Schnee. Nur einmal muss ich ein Schneefeld mit der Handsäge abflachen, damit die Pferde nicht abrutschen. Doch ich weiß, ich kann mich auf ihre Trittsicherheit verlassen. Es ist, als wäre man mit alten Bergkameraden unterwegs. Ein eingespieltes Team. Auf der Passhöhe werfe ich einen Blick in die Karte. Wir steigen weglos ab, und wieder hinauf zum Eldorado Pass und weiter zum Windy Pass – klettern von einer Passhöhe zur nächsten, durch wunderschöne, alpine Landschaft, unter strahlend blauem Himmel. Die Aussicht auf die Berggipfel der Coast Range ist fantastisch. Was für ein herrlicher Tag! Jetzt bin ich euphorisch, nein, mehr noch, ich bin glücklich!

Tagelang ziehen wir so dahin, über Berge und entlang malerischer Flusstäler. Ohne Zögern stapft Lightfoot durch den Tyaughton Creek. Das Wasser ist eiskalt, tief und die Strömung stark und ich genieße es so richtig, auf einem Pferd zu sitzen. Zu Fuß könnte ich diesen Fluss nicht queren.
Wir begegnen Maultier- und Weißwedelhirschen, Murmeltieren und sogar einem Lux und sehen immer wieder frische Bärenspuren. Oft sind die Hinterlassenschaften des Bären so frisch, dass ich sicher bin, er hat sich vor uns erschreckt und aus Angst er noch schnell einen Haufen hinterlassen.
Am 1. Juli feiere ich meinen Geburtstag. Es gibt keinen Sekt, keine Torte, keine Päckchen und doch fühle mich reich beschenkt. Die Pferde liegen im hohen Gras und genießen die Morgensonne. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand setze mich neben Lightfoot und lehne mich an seinen warmen Körper. Leni klettert sofort auf meinen Schoß. Dank der Tiere fühle ich mich nicht einsam, ja ich habe nicht das geringste Bedürfnis mit der Welt in Kontakt zu treten. Nach dem Frühstück nehme ein Bad im Fluss. Eiskalt – aber herrlich! Was macht das Leben hier draußen so zum Genuss? Es ist die Nähe zur Natur, die Energie, die Ruhe, die Einfachheit. Es ist eine tiefe Sehnsucht, die hier angesprochen wird. Es tut gut, den ganzen Tag körperlich zu arbeiten, zu wandern, Feuerholz zu machen, Wasser zu holen. Es macht mich stolz, Herausforderungen zu meistern, und glücklich, die Pferde abends mit gutem Futter zu belohnen und zu sehen, wie Leni den Tag genießt. Mit 11 Jahren ist sie keine junge Hündin mehr, doch sie hält gut mit. Sie genießt ihre Freiheit. Es gibt so viel für sie zu entdecken. So viele Spuren zum Erschnüffeln und kleine Nagetiere zum Jagen.
Doch am nächsten Tag bekommt meine Euphorie einen kräftigen Dämpfer. Auf dem Lorna Pass jagt Leni hinter einem Murmeltier her. Es schlägt einen Haken, Leni rennt wie verrückt hinterher, jault plötzlich auf und schleudert ihr linkes Hinterbein in die Luft. Das Murmeltier verschwindet flink in seiner Höhle. Leni aber kommt winselnd zu mir hergelaufen. Es scheint nichts gebrochen zu sein, ich kann das Bein bewegen, und sie ist auch nicht druckempfindlich, doch die Achillessehne ist geschwollen. Ich hole den Rucksack aus der Packtasche, den ich genau für diesen Fall mitgenommen habe und stecke Leni hinein. Drei Tage lang trage ich sie auf meinem Rücken, doch sie ist dabei so unglücklich, dass ich sie am vierten Tag wieder laufen lasse. Und tatsächlich rennt sie auf drei Beinen genauso flink hinter jedem Eichhörnchen her, als ob nichts wäre. Nur im Lager humpelt sie so herzzerreißend, dass sie eine extra Portion Futter bekommt.
Lorna Lake könnte dem berühmten Lake Louise Konkurrenz machen. Türkisblaues Wasser vor schneebedeckten Bergen. Ein kleiner Steg dient als Anlegeplatz für Wasserflugzeuge. Hierher lassen sich Mountainbiker einfliegen, um dann hin halsbrecherischer Fahrt über die schmalen Pfade wieder zurückzuradeln. Früh am nächsten Morgen höre ich das Motorengeräusch eines Flugzeuges. Und kurze Zeit später begegne ich erstmals Menschen. Es sind vier Mountainbiker, die mit lautem Gehupe und Gelächter durch den Wald auf uns zukommen. Damit wollen sie wohl die Bären in die Flucht schlagen. Sie sind unterwegs zum Lager am Big Creek, wo eine Köchin bereits mit dem Abendessen auf sie wartet. Ich erkundige mich bei dem Guide der Gruppe, John, nach meiner weiteren Strecke. Doch er schüttelt nur den Kopf. Bis hierher haben John und seine Kollegen die Wege frei geräumt, doch jetzt verlasse ich ihr Gebiet. Bisher habe ich noch hin und wieder Mountainbike Spuren gesehen, ab jetzt wird es keinerlei menschlicher Spuren mehr geben, nur noch Grizzly, Elch und Hirsch.

Mit mulmigem Gefühl mache ich mich auf den Weg und tatsächlich stehen wir schon kurze Zeit später mitten im dichten Wald und ich habe keine Idee, wo der Weg verläuft. Ich steige ab und versuche am Boden den Weg zu erkennen, immer wieder folge ich einer Spur, doch sie entpuppt sich schnell als Wildwechsel. Ich schwitze und das Surren der Moskitos macht mich wahnsinnig. Wie gleichmütig sind da die Pferde, die ich immer wieder einfach stehen lasse, während ich mich durchs Gebüsch kämpfe, und die geduldig auf mich warten. Ich bin nahe daran aufzugeben, als ich endlich einen von Menschen angelegten Pfad erkenne. Hier wurden seitlich abstehende Äste abgesägt, ein eindeutiges Zeichen, dass hier nicht nur Wildtiere unterwegs waren. Mit steigender Nervosität folge ich dem schmalen Pfad, achte auf jedes Zeichen und präge mir den Weg gut ein. Ich bin gut im Spurenlesen, aber bin ich auch mutig genug? Was erwartet uns auf der anderen Seite des Passes im Tal des Powell Creeks? Seit Jahren sei kein Mensch mehr dort unterwegs gewesen, hatte John gesagt. Werde ich durchkommen? Ich habe gehörigen Respekt vor dem, was das auf uns zukommt. Schon hier ist der Weg kaum mehr sichtbar, ja ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir noch am richtigen Weg sind. Es ist wie eine Schnitzeljagd, man sucht nach Spuren und Hinweisen, eine abgetretene Wurzel, ein abgesägter Ast, eine Spur im Gras, eine abgeschrägte Böschung zur Bachquerung. Und dabei habe ich immer zwei Pferde im Schlepptau, gerate ich in eine Sackgasse, ist es oft mühsam umzudrehen. Immer wieder überlasse Lightfoot die Wegsuche. Denn er und auch Leni sind dabei eine große Hilfe. Denn auch die Tiere folgen lieber einem Pfad, wenn es einen gibt. Doch beide lassen sich gerne ablenken. Leni von einer interessanten Fährte, und Lightfoot hat mich nicht nur einmal mitten auf eine große Wiese geführt und mir dann zu verstehen gegeben, dass wir an seinem Ziel angekommen sind.

Powell Pass ist ein weiterer grandioser Pass auf unserer Strecke. Es ist kein kleiner, schneller Übergang, sondern eine riesige alpine Hochebene. Die Wiesen blühen, dass es eine Freude ist. Die Blumenteppiche strecken sich bis auf über 2000 m hinauf. Auf der Passhöhe ist nun überhaupt kein Weg mehr zu erkennen. Kein Problem, solange wir ihn auf der anderen Seite beim Abstieg wiederfinden. Ich erinnere mich daran, was Günter mir geraten hat. Wenn du in einem Tal den Weg suchst, musst du einfach nur das Tal von einer Seite zur anderen queren. Wenn es einen Weg gibt, dann findest du ihn auch. Kreuz und quer reite ich nun über die weiten, offenen Wiesen des Hochtals, immer wieder führen mich Wildwechsel in die Irre, doch vom richtigen Weg keine Spur. Diesmal denke ich nicht ans Aufgeben. Wann man weiß, wohin man will, dann findet man auch einen Weg. Hartnäckig arbeite ich mich immer wieder von einer Talseite auf die andere, immer weiter talabwärts. Bingo! Am unteren Ende der weiten Wiese entdecke ich tatsächlich den Weg. Und er ist gar nicht so schlecht! Allerdings ist wirklich schon lange niemand mehr hier durchgekommen und so muss ich uns immer wieder den Weg freisägen. In einem alten Waldbrandgebiet liegen die Bäume kreuz und quer und ich brauche lange, bis ich uns einen Weg freigeräumt haben. Immer wieder müssen die Pferde über Baumstämme springen. Ich bin stolz auf sie, vor allem auf Rusty, der so geschickt mit seinen Packboxen durch die eng stehenden Bäume navigiert.

Als das Gelände abflacht verliert sich der Weg. Habe ich mich schon wieder verirrt? Doch da öffnet sich der Wald und wir stehen mitten auf der alten Bergbaustrasse, die zur längst stillgelegten Mine am Battlement Creek führt. Ich juble, doch zu früh gefreut. Kurze Zeit später fluche ich wieder. Quer über die Strasse liegen umgefallene Baumstämme. Rechts steigt die Böschung steil an, links fällt sie steil ab. Wir können die Hindernisse nicht umgehen, und eigentlich kann ich die rund 30 cm dicken Baumstämme mit meiner kleinen Handsäge auch nicht durchsägen. Eigentlich, aber letztendlich ist alles nur eine Frage der Zeit.
An diesem Abend verkrieche ich mich bereits um 20 Uhr im Zelt, ohne Abendessen. Ich bin todmüde. Sogar zu müde zum Essen. Große Schwärme Moskitos belagern den Zelteingang. Leni schläft tief und fest und schnarcht leise. Nur noch wenige Kilometer trennen uns von den Taseko Lakes, doch ich konnte einfach nicht mehr weiter. Mit letzten Kräften habe ich die Pferde versorgt und mein Lager aufgebaut. In dieser Nacht falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Bereits um 5 Uhr bin ich hellwach, sattle die Pferde und reite los. Ich möchte das Not-Camp im Wald, dieses dunkle, Mosikto-verseuchte Loch ohne gutes Futter, möglichst schnell wieder verlassen. Nur eine Stunde später stehe ich mitten im Paradies. Malerisch eingebettet liegt er da, der Taseko Lake, inmitten hoher Berge. Und zu meinen Füßen erstreckt sich ein kilometerlanger Sandstrand. Es fühlt sich wie Verschwendung an, so viel Schönheit nur für mich alleine! Ich sattle ab und lasse die Pferde laufen. Sie wälzen sich sofort genüsslich im Sand, während ich ins eiskalte Wasser springe. Leni bellt aufgeregt am Ufer. Die kleine Landratte ist wasserscheu! Dann lege ich mich in den warmen Sand und bin einfach nur glücklich.
Zwei Tage lang mache ich Badeferien und wasche meine gesamte Wäsche, denn es spielt keine Rolle, dass ich splitternackt herumlaufe. Auch die Pferde genießen sichtlich die Pause, entspannt liegen sie im am Strand und schlafen. Nachts entwischt Rusty erstmals aus dem E-Zaun. Lightfoots Wiehern weckt mich. Als ich aus dem Zelt krieche spaziert Rusty gerade ganz fröhlich an mir vorbei, merkt aber sofort, dass er etwas falsch gemacht hat und bleibt mit gespitzten Ohren stehen. Ich weiß wohin er will, zu dem trockenen Kraut, das er am Vortrag weiter unten am Strand entdeckt hat. Ich führe ihn zurück in den Zaun und hoffe inständig, dass er drinnen bleibt.

Am nächsten Morgen erkunde ich den Strand und entdecke riesige Grizzlyspuren. Sie sehen ganz frisch aus. Ich folge ihnen und sie führen mich direkt zum Zelt und daran vorbei zurück in den Wald. Unmöglich, dass dieser Bär letzte Nacht hier war! denke ich, die Pferde hätten mich doch sicher geweckt. Doch ganz wohl ist mir bei dem Gedanken nicht. Kann es wirklich sein, dass die Spuren am Vortrag bereits da waren und ich sie nicht bemerkt habe?

Während der Pausetage am See setzt sich langsam eine Idee fest. Ich kann mir nicht erklären warum, aber ich habe große Lust nicht wie geplant weiter nach Norden durch den Ts’il?os Provincial Park zum Chilko Lake zu reiten, sondern umzukehren und auf anderen Wegen wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Zunächst kann ich mich nicht so recht zu einer Entscheidung durchringen. Aber wenn ich so nachdenke, dann habe ich bisher auf dieser Reise immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Hatte ich mich für einen Lagerplatz entschieden, hat es sich richtig angefühlt, wenn ich mich an einer Weggabelung für einen Weg entschied, war es der richtige. Zunächst bin ich verwundert, aber langsam verstehe ich, was Günter meint, wenn er in seinem Vortrag sagt: „Ich bin immer auf dem richtigen Weg, ich muss ihn nur zu Ende gehen.“ Mir wird bewusst, dass ich mich auf meine Erfahrung verlassen, und auf meine Intuition hören kann, und dass ich so Entscheidungen treffe, die für mich richtig sind. Und so bin auch ich immer auf dem richtigen Weg. Vielleicht nicht auf dem kürzesten oder dem schnellsten, aber die Alternativen kenne ich ja ohnehin nicht. Warum nicht auch jetzt einfach auf mein Bauchgefühl hören?
Am nächsten Tag treten wir daher den Rückweg nach Gold Bridge an. Entlang des Tosh Creeks und des Big Creeks reiten wir zur Graveyard Cabin, einer mit Grassoden gedeckten, historischen Blockhütte. Sie gehört zur Gang Ranch, die im 19. Jahrhundert zu den größten Rinder-Ranches der Welt zählte. Auch heute noch weiden die Rinder der zweitgrößten Ranch Kanadas auf den Wiesen der Chilcotin Range. Als wir zur Graveyard Cabin kommen, sind weit und breit keine Rinder zu sehen. Stattdessen, bekommen wir hier nachts Besuch.
Gegen 23 Uhr wecken mich die Pferde, weil sie nervös im Zaun auf und ab rennen. Moskitos denke ich. Doch es sind keine Stechmücken, die die Pferde aufschrecken, sondern zwei große, schwarze Grizzlybären, die langsam und absolut lautlos auf uns zukommen. Easy boys, sage ich, das sind nur zwei Bären, die tun uns nichts. Ich spreche laut und sanft, einerseits, um die Pferde und mich zu beruhigen, andererseits um den Bären zu signalisieren, dass sie es hier mit einem Menschen zu tun haben. Bis auf 50 Meter kommen sie an uns heran, dann ändern sie ihre Route und machen einen Bogen um unser Lager und verschwinden in der Dunkelheit. Völlig gebannt beobachte ich jede Bewegung und versuche den schwarzen Schatten mit meinem Blick zu folgen, bist meine Augen tränen. Eine Stunde lang warte ich, ob sie zurückkommen. Dann krieche ich wieder zu Leni in den Schlafsack. Darf ich jetzt eigentlich wieder einschlafen? Die Pferde haben mich einmal geweckt, sie werden mich auch ein zweites Mal wecken, sollten die Bären zurückkommen, denke ich, roll mich auf die Seite und schlafe sofort wieder ein.

Im leichten Nieselregen steigen wir am nächsten Morgen zum Elbow Pass auf. Wieder und wieder geht mir die Begegnung der letzten Nacht durch den Kopf. So nah waren uns Grizzlybären noch nie gekommen. Ich habe den Schock noch nicht verarbeitet, da entdecke ich einen weiteren Bären, nur 100 Meter unterhalb am Hang. Er ist in die Richtung unterwegs, aus der wir kommen. Sofort nehme ich Leni auf den Arm – „Pick up the little ones“, heißt es doch immer. Doch das große Alpha-Männchen nimmt kaum Notiz von uns. Es wandert von einer Murmeltierhöhle zur nächsten und wirft uns nur gelangweilte Blicke zu. Trotzdem ist mir völlig bewusst, dass der Bär innerhalb von Sekunden bei uns sein könnte, wenn er wollte. Ich bin heilfroh, als wir endlich an ihm vorbei sind. Nur kurze Zeit vorher waren wir durch ein schmales, enges Tal gewandert, dort hätte ich ihm nicht begegnen wollen.
Selbst in einer Situation wie dieser, habe ich nun kein Problem mehr damit, alleine zu sein. Anfangs hat mir Günter aus Unsicherheit gefehlt. Als ich merkte, dass ich es auch alleine kann, ist diese Sehnsucht verschwunden. Was geblieben ist, ist die Sehnsucht das Schöne zu teilen. Doch während der letzten Wochen habe ich auch die Vorzüge des Alleine Reisens entdeckt: Ich muss meinen Kaffee, die Schokolade und mein Zelt nicht teilen. Keiner widerspricht mir. Es ist völlig egal, wie ich aussehe, ich kann meine Tischmanieren total vernachlässigen und meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich habe geflucht und geschimpft, und manchmal hatte ich Tränen in den Augen vor Glück und Dankbarkeit.
Aber noch viel mehr, hat mir die Reise unglaublich viel Selbstbewusstsein und Zuversicht geschenkt. Hier erst wurde mir bewusst, wieviel ich in den letzten Jahren gelernt habe. Nicht nur an praktischen Fähigkeiten, sondern auch an Erfahrung, an Gefühl für das Wetter, die Wegsuche, die Stimmung der Tiere. Ich habe mit dem Alleine Reisen auch eine ganz neue Dimension von Freiheit entdeckt.

Vier Wochen nach unserem Aufbruch schlagen wir am Pearson Pass zum letzten Mal unser Lager auf. Es ist ein wunderschöner Platz, das Futter steht kniehoch und die Aussicht ist fantastisch. Plötzlich springen die Pferde wild umher. Erschrocken schaue ich mich um, doch diesmal ist es kein Bär, sie sind einfach nur übermütig. Schlagen aus, buckeln und galoppieren immer wieder den Hügel rauf und runter. Es ist eine Freude ihnen zuzusehen, würden sie nicht immer ganz knapp am Zelt vorbei springen.
Nachts weckt mich der starke Geruch nach Rauch. Ich habe mein Lagerfeuer doch gelöscht. Unruhig schaue ich nach draußen, doch ich kann nichts erkennen. Im Lager ist alles in Ordnung. Am nächsten Morgen sind die Berge wie von leichtem Nebel verschleiert – nur dass es kein Nebel ist, sondern Rauch. Mit mulmigem Gefühl reite ich in das rauchverhangene Tal hinab. Der Waldbrand kann meilenweit weg sein, der Wind hat letzte Nacht gedreht und könnte nun Rauch von weit hertragen. Das Feuer könnte aber auch ganz nahe sein.
Als ich schließlich die Schotterstraße erreiche, bleibt das erste Fahrzeug stehen. Der Fahrer lässt die Fensterscheibe runter. „Here she is!“ ruft er.“ You must be THE woman! Ganz alleine unterwegs mit Hund und Pferden!“ “Well, I guess,” antworte ich und grinse von einem Ohr zum anderen. Der Mann am Steuer ist Dale. Er ist der Chef von John, dem Mountainbike Guide, den ich getroffen hatte. Die zivilisierte Welt hier ist klein. Dale erzählt mir, die Waldbrände in diesem Sommer seien verheerend. Die Kleinstädte 100 Mile House und Williams Lake wurden evakuiert und zahlreiche Straßen sind gesperrt. Für uns würde aber keine unmittelbare Gefahr bestehen. Er leiht mir sein Mobiltelefon und ich rufe Monika an.
Ich bin wieder in Gold Bridge, erzähle ich, und sie ist heilfroh. Schnell stellt sich heraus, dass es die beste Entscheidung war, wieder zurück zu reiten. Denn aufgrund der großen Waldbrände, die im Nordosten wüten, ist der Highway 20 – das ursprüngliche Ziel meiner Reise – schon seit Wochen gesperrt. Hätte ich meinen Ritt wie geplant fortgesetzt, ich wäre in einer Sackgasse gelandet.
Dann lädt Dale uns auf seine Ranch ein. Die Pferde freuen sich über die große Weide. Ich aber lehne das Angebot eines gemütlichen Zimmers ab. Lieber stelle ich noch ein letztes Mal mein Zelt auf der Weide bei den Pferden auf.

Den restlichen Sommer verbringen Rusty, Lightfoot, Leni und ich gemeinsam mit Günter und seinen Pferden Dino und Azabache in den Rocky Mountains, wo wir Pferde-Trekking Reisen mit Gästen veranstalten. Vier Wochen später läuft auch Leni wieder auf allen vier Pfoten. Die Verletzung ist ganz von alleine vollständig ausgeheilt.
Für diejenigen, die Lust haben, selbst auf Pferde-Trekking Reisen zu gehen, gibt es im Sommer 2018 wieder Gelegenheit mit den Abenteuerreitern unterwegs zu sein. Alle Infos zu den Pferde-Trekking Reisen in die kanadischen Rocky Mountains: www.abenteuerreiter.de

Am 4. Februar ist Sonja Endlweber in Düsseldorf und Köln zu Gast. Auf ihre sympathische und humorvolle Weise erzählt sie von den Herausforderungen des langen Ritts von Mexiko bis in den Norden Alaskas, persönlichen Erfahrungen und der Besonderheit, mit Tieren unterwegs zu sein.
Alle Infos und Tickets gibt es hier.



Veröffentlicht von Patricia Pilgram am 3. Januar 2018 in der Kategorie »Aus aller Welt« mit den Schlagwörtern: , , , ,

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